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Fan-Fiction

 

für Alex, der mich zu dieser Geschichte inspiriert hat

In meinem Blut

Bruce Wayne saß zusammengesunken vor dem Kamin. Es war der 26. Juni, der Todestag seiner Eltern. Das flackernde Feuer erzeugte sonderbare Schattenspiele auf der Wandtafelung. Als Kind hatte Bruce immer versucht, in den Schatten Gestalten und Formen zu erkennen. Doch er war schon lange kein Kind mehr und heute nahm er die abstrakten Bilder an der Wand nur noch mit Gleichmut zur Kenntnis. 

Doch plötzlich erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Ein Teil der Vertäfelung unterschied sich vom Rest. Kaum zu erkennen und erst durch einen Zufall, einen anderen Blickwinkel zu bemerken. Er besah sich die Wand genauer und entdeckte, daß sich in der Vertäfelung ein Mechanismus befand. Als er ihn betätigte, öffnete sich ein Geheimfach. Er entdeckte darin einen Kasten aus Metall. 

Der Fund überraschte ihn in keinster Weise. In der Zeit, als dieses Anwesen erbaut wurde, gehörten Verstecke dieser Art zum Standard. Was ihn verwunderte, war die Tatsache, daß er diese Entdeckung erst jetzt gemacht hatte und nicht schon viel früher. Doch sie war ihm nun eine willkommene Abwechslung zu den trüben Gedanken, die ihn niederdrückten, und er machte sich daran, den unverschlossenen Behälter zu untersuchen.

Er fand ein Buch - ein Tagebuch. Bruce erkannte auf dem Buchdeckel die Handschrift seines Vaters. Dem Datum nach war es vor der Heirat seiner Eltern geschrieben worden. Erregung erfaßte ihn. Er würde etwas über seinen Vater erfahren, von ihm persönlich. Dinge, über die sie vielleicht gesprochen hätten, wäre sein Vater am Leben geblieben. Dinge, die er seinem heranwachsenden Sohn mit auf den Lebensweg gegeben hätte, Erfahrungen, die er gemacht hatte und nun teilen wollte, um ihm, dem Sohn, die harte Schule des Lebens ein wenig zu erleichtern.

Bruce nahm wieder seinen Platz vor dem Kamin ein und begann zu lesen...


Tagebuch von Dr. Thomas Wayne

27. März
Bin gestern auf Santa Prisca eingetroffen. Die Verhältnisse sind schlimm, viel schlimmer, als ich erwartet hatte. Das Elend der Menschen ist so überaus groß, alles ist so unbeschreiblich traurig. Als ich von Gotham City aus meine Reise antrat, war ich voller Pläne und Zuversicht, ausgerüstet mit den besten Vorsätzen, das Leid der von einer grausamen Regierung geknechteten Bevölkerung zu lindern. Und jetzt? Es gibt so viel zu tun, daß ich nicht weiß, wo ich beginnen soll.

Dr. Martin, den ich ablösen soll, ist auch keine große Hilfe. Er hat resigniert und ertränkt seine Frustrationen in hochprozentigem Alkohol. Das provisorische Krankenhaus ist heruntergekommen und strotzt vor Dreck. Gott sei Dank sind im Moment keine Menschen in stationärer Behandlung, sie würden an den Infektionen, die sie sich hier holen könnten, wahrscheinlich schneller sterben, als an ihren Krankheiten. 
Und diese Hitze hier ist einfach unerträglich...

28. März
Oh Gott, wie sehr ich Martha vermisse. Sie geht immer so optimistisch an alles heran, eine Eigenschaft, um die ich sie fast beneide. Wenn sie nur hier wäre. Und wenn diese verdammten Mücken nicht wären. Sämtliche Mosquitos auf Santa Prisca scheinen immun gegen mein teures Insektenmittel zu sein und sich ausschließlich von meinem Blut zu ernähren...

Die Angst dieser Menschen hier ist einfach unvorstellbar. Ich wollte heute den Ort erkunden und sah eine Mutter mit ihrem Säugling, der unablässig schrie. Die Frau machte einen völlig hilflosen Eindruck, doch als ich auf sie zuging, um ihr meine Hilfe anzubieten, schrie sie entsetzt auf, preßte das Kind an sich und floh in ihr Haus. Ich war fassungslos und brach meinen Rundgang ab. 
Ich werde versuchen, eine einheimische Hilfskraft zu engagieren. Allein ist die Arbeit nicht zu bewältigen und außerdem wird sich die Hemmschwelle der Einwohner so am leichsteten senken lassen. Das Problem ist nur, nahe genug an jemanden heran zu kommen, den ich fragen kann. 

Dr. Martin befindet sich seit zwei Tagen in einem Dauerrausch. Erst feierte er meine Ankunft, dann die baldige Beendigung seiner Tätigkeit hier und im Moment trinkt er, weil die ganze Welt ein Irrenhaus ist. Jedenfalls glaube ich, das aus seinem Lallen herausgehört zu haben...

3. April
Die Idee, eine Hilfe einzustellen, war einfach fabelhaft! Die Krankenstation blitzt vor Sauberkeit, die ersten Patienten waren schon da, um sich behandeln zu lassen und - was mich persönlich fast am meisten begeistert - die Mücken lassen mich endlich in Ruhe!

Ich hatte den Priester des Ortes getroffen, einen freundlichen alten Mann, der sich auch von der allgegenwärtigen Präsenz des Militärs nicht aus der Ruhe bringen läßt, und ihn gefragt, wo ich jemanden finden könnte, der mir im Krankenhaus ein wenig zur Hand ginge. Pater Alberto dachte nicht lange nach, sondern schlug mir sofort die Nichte seiner Haushälterin vor, Naria Hernandez, eine junge Frau, die, wie er mir mit einem Augenzwinkern versicherte, ebenso resolut sei wie ihre Tante. Er versprach mir, die junge Frau noch am selben Tag vorbei zu schicken, damit ich mir selber ein Urteil darüber bilden könne, ob ich sie für den Posten geeignet halte. 

Und ob ich sie dafür geeignet halte! Naria kam, sah sich in dem heruntergekommenen Gebäude um, warf mir einen Blick zu, als sei ich für den ganzen Dreck verantwortlich, schob mich vor die Tür und fing an, sauber zu machen. Wir hatten nicht mal über ihre Bezahlung gesprochen. Die ganze Zeit über hörte ich sie vor sich hinschimpfen und wenn ich mich halbwegs auf meine Spanischkenntnisse verlassen kann, waren ihre Worte nicht gerade eine Ruhmesrede auf die Männerwelt...

Ich nutzte die Zeit, um mich von Dr. Martin zu verabschieden. Er hatte einen mordsmäßigen Kater, was ihn aber nicht daran gehindert hatte, sich reisefertig zu machen. Er war sehr wortkarg und meine Anwesenheit schien ihm peinlich zu sein, so als erinnere sie ihn an seine eigene Unzulänglichkeit. Also wünschte ich ihm eine gute Heimreise und machte mich alsbald wieder davon. Naria jetzt schon wieder unter die Augen zu treten und sie womöglich bei ihrer Arbeit zu stören, wagte ich nicht. Statt dessen besuchte ich Pater Alberto in seiner Kirche und bedankte mich bei ihm für seine Hilfe. 

Der alte Mann beeindruckt mich zutiefst. Er trägt seinen Glauben nicht vor sich her, er praktiziert ihn, ohne dabei das Wesentliche, die Menschen und ihre Schwächen, aus den Augen zu verlieren. Obwohl ich ein Mann der Wissenschaft bin und für Religion nie viel übrig hatte, glaube ich, daß dies der Beginn einer wunderbaren Freundschaft wird.

25. April
Pater Alberto und ich haben ein gemeinsames Ritual entwickelt. Allabendlich, nachdem der letzte Patient versorgt ist und die Praxis verlassen hat, suche ich ihn im Pfarrhaus auf und wir unterhalten uns, manchmal bei einem Glas Rotwein, den er selber herstellt, manchmal bei einem Glas Bourbon aus meinem Vorrat.

Auch Naria hat ihren Part in diesem Spiel übernommen, indem sie mich immer energisch aus dem Haus scheucht, da ich ihr, nach ihren eigenen Worten, doch nur im Weg stehen würde, wenn sie die Behandlungsräume für den nächsten Tag vorbereitet. 

Alberto offenbarte mir eine Sichtweise auf die Vorgänge in Santa Prisca, wie sie kein Beobachter der Menschrechtskommission oder des Roten Kreuzes je erlangen könnte. Die Militärjunta unterdrückt das Volk und saugt es bis auf den letzten Blutstropfen aus. Sie scheffelt ein Vermögen mit dem Handel von Rauschgift, für dessen Herstellung das Volk herangezogen wird. Um den Schein zu wahren und weil es billig ist, bin ich als Arzt geduldet, wie einige weitere Ausländer, die humanitäre und soziale Hilfe leisten.

Das Volk von Santa Prisca erträgt alles mit stoischem Gleichmut. Seit Jahrhunderten ausgebeutet von wechselnden Herren, fristen die Menschen mehr schlecht als recht ihr Dasein. Schon der Gedanke an Rebellion wird im Keim erstickt, es wird von Folterkammern in den Gefängnissen gemunkelt, in denen menschliche Wesen mit physischer und psychischer Gewalt zerbrochen und zu seelischen Krüppeln degradiert werden.

Alberto tut, was er kann, um das Schicksal seiner Landsleute zu erleichtern, oft gegen den Willen seiner Vorgesetzten, doch seine Möglichkeiten sind begrenzt und er gerät oft in Zorn ob seiner eigenen Ohnmacht. Doch sein Wille zu helfen ist ungebrochen.

7. Mai
Naria hat das Hospital und alles Übrige fest im Griff. Morgens um acht Uhr erscheinen die ersten Patienten, die von ihr sofort als leichte, mittelschwere und schwere Fälle eingestuft werden. Sie hat ein untrügliches Gespür für Simulanten, die es erstaunlicherweise auch unter all diesen armen verängstigten Menschen gibt. Es genügt ein strenger Blick aus ihren schwarzen Augen und der Betreffende setzt sich freiwillig in die hinterste Ecke des Wartezimmers und wartet ohne zu murren geduldig darauf, als letzter aufgerufen zu werden. 

Die Bevölkerung hat im Laufe der letzten Wochen ein wenig Vertrauen zu dem "amerikanischen Doktor" gefaßt und kommt mittlerweilen auch aus weiter entfernten Gegenden, um sich behandeln zu lassen. In erster Linie habe ich es mit Fällen wie Unterernährung, Diarhoe, daraus resultierender Dehydrierung und Verlausung zu tun, Krankheiten, wie sie bei großer Armut und mangelnder Hygiene eben auftreten. Es ist erstaunlich, daß unter diesen Bedingungen noch keine Seuche ausgebrochen ist. Doch man kann diesen Menschen keinen Vorwurf machen. Wovon sollen sie sich Seife kaufen, wenn sie nicht mal genug zum Essen haben.

Ich habe eine Wohltätigkeitsorganisation in Gotham, die von meiner Familie schon viele Jahre mit nicht unbeträchtlichen Spenden unterstützt wird, von den Umständen unterrichtet und um Hilfe ersucht, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die dringend benötigten Sachen hier eintreffen.

Dabei bete ich, mein Gott, ich tue es wirklich, daß all meinen Wünschen sobald wie möglich entsprochen wird. Nicht nur Vitamin- und Mineralpillen, nicht nur Seife und Kleidung, sondern auch Nachschub an richtigen Medikamenten. Der Vorrat, der sich bei meiner Ankunft im Hospital befand, geht bedrohlich schnell zur Neige. Es werden bald keine Schmerzmittel und fiebersenkenden Präparate mehr da sein, ebenso wie Penicillin und Chloroform. Zwar besteht die Möglichkeit, diese Dinge auf dem Schwarzmarkt zu bekommen, doch zu horrenden Preisen und von minderer Qualität. 

Doch auch in dieser Hinsicht ist Naria ein Geschenk des Himmels. Sie kennt viele Rezepturen aus Kräutern und bestimmten Baumrinden, die wir nun bei minderschweren Fällen verabreichen. Mit einer dieser Tinkturen hat sie mich von der anfangs erwähnten Mückenplage befreit. 

12. Juni
Noch immer nichts aus Gotham. Mit den Medikamenten wird es allmählich kanpp. Habe Naria heute zum Schwarzmarkt geschickt, um wenigstens das Nötigste zu besorgen. Schlechte Medikamente sind immer noch besser als gar keine. In den letzten Wochen sind besonders die Durchfallerkrankungen bedrohlich angestiegen. Neben den schlechten Lebensbedingungen der Bevölkerung tut das heißfeuchte Klima ein übriges. Aber ich will nicht an eine Epidemie glauben. Noch nicht. 

Ich schreibe noch mal an den Kurator der Stiftung. Sie müssen etwas unternehmen. In die Staaten zu telefonieren ist derzeit unmöglich. Rebellen haben sich mit Regierungstruppen blutige Scharmützel geliefert, doch will man bei der Administration anscheinend verhindern, daß davon etwas nach außen dringt. Also hat man sämtliche Telefonleitungen lahmgelegt. Wahrscheinlich glaubt man, daß die Unruhen beigelegt sind, bis die Nachrichten auf postalischem Weg das Land verlassen haben.

21. Juni
Ich kann die Augen nicht länger davor verschließen. Die Seuche, deren Ausbruch ich schon so lange befürchtet habe, ist da. Der Strom der Patienten reißt nicht mehr ab, wir arbeiten fast um die Uhr, an Schlaf ist kaum noch zu denken. Pater Alberto, ich liebe diesen Mann, kommt täglich, doch nicht nur, um den Sterbenden die letzte Ölung zu geben, sondern auch, und vor allem, um die Kranken zu pflegen. Ich habe nur die Befürchtung, daß er sich übernehmen könnte, er ist schließlich nicht mehr der Jüngste. 

Doch auch um Naria mache ich mir Sorgen. Um ihre Augen haben sich während der letzten Tage dunkle Schatten gelegt. Deshalb habe ich sie wieder zum Schwarzmarkt geschickt, doch weniger der Medikamente wegen als vielmehr, damit sie für ein paar Stunden fortkommt von all diesem Leiden und Schmerz und Sterben...

später am Abend...
Ich bin rasend vor Zorn! Es ist einfach nicht zu fassen, zu welchen Verbrechen sich dieses Regime noch hinreißen läßt. Doch der Reihe nach:

Naria kam völlig aufgeregt vom Schwarzmarkt zurück. Man hatte ihr eine größere Lieferung der von den Kranken dringend benötigten Medikamente angeboten, natürlich zu einem immens hohen Preis, und so hatte sie, damit ich mich vor dem Bezahlen erst von der Qualität überzeugen konnte, nur jeweils eine Packung erstanden. 

Ihr Blick war sofort auf den Stempel gefallen, der jedem Karton aufgeprägt war: Aid of Gotham City - der Name der von mir so dringend um Hilfe gebetenen Organisation. Naria hatte sich dem Händler gegenüber, der wahrscheinlich gar nicht weiß, in wessen Auftrag Naria die Medikament erwirbt, nichts anmerken lassen, denn es wird gemunkelt, daß die Regierung selber hinter den Schwarzmarktgeschäften stünde, und sie wollte keinen Verdacht erregen, denn das hätte für sie den sicheren Tod bedeutet. 

Also sind die Hilfsgüter schon lange im Land. Und die Regierung will damit Profit machen. Diese Bastarde! Die Ohnmacht, die ich bei all dem empfinde, ist überwältigend. Wenn ich doch nur irgendetwas tun könnte. Aber ich werde, um der mir anvertrauten Menschen willen, wenn auch zähneknirschend, viel Geld bezahlen, um in den Besitz der Medizin zu kommen.

Manchmal würde ich zu gern vergessen, daß ich den hypokratischen Eid jemals geleistet habe...

22. Juni
Pater Alberto hat mich mit einem Mann bekannt gemacht, der mir möglicherweise helfen kann, weitaus billiger an die Medikamente zu kommen. Alberto nennt ihn "El Jefe" und ich habe den Verdacht, daß er den Rebellen angehört. Für ein wenig Geld ist Jefe bereit, mir den Plan des Lagerhauses zu besorgen, in dem die Lieferung aus Gotham aufbewahrt wird. Ich bin noch skeptisch, denn ich bezweifle, daß es mir alleine möglich sein wird, all das Zeug dort raus und hierher zu schaffen. Der Mann wird morgen wieder kommen, um sich meine Entscheidung anzuhören.

später...
Ich habe mit Naria und Alberto gesprochen. Die beiden bestehen, trotzt all meiner Vorbehalte, darauf, mich zu begleiten. Und es könnte sogar funktionieren. Da die Rebellion immer mehr um sich greift und die Soldaten alle Hände voll zu tun haben, die Aufständischen zu bekämpfen, werden die Depots des Regierungs-Schwarzmarktes so gut wie gar nicht mehr bewacht.

Alberto will einen alten LKW besorgen, den Naria und ich mit den Kisten aus Gotham beladen werden. Gelagert wird alles im Pfarrhaus, von wo aus Alberto täglich eine kleine Menge mit ins Hospital bringen wird. Seine Besuche sind schon so zur Gewohnheit geworden, daß das kaum Verdacht erregen dürfte.

Und dennoch habe ich ein mulmiges Gefühl. Es hört sich alles viel zu leicht an. 

23. Juni
Jefe war hier und hat mir alle notwendigen Informationen übergeben. Ich habe eine Entscheidung getroffen: gemeinsam mit Alberto und Naria werde ich morgen nacht die Medikamente holen. Heute starben im Hospital zwölf Leute, sieben davon waren noch Kinder. Es bricht mir das Herz und ich muß etwas unternehmen, egal, wie groß auch meine Angst ist.

25. Juni
Wir haben die Medikamente! Es war definitiv die irrsinnigste Nacht meines Lebens. Naria und ich hatten uns bei Einbruch der Dunkelheit auf den Weg zu dem Lagerhaus gemacht. Tatsächlich war es unbewacht. Das Schloß aufzubrechen war ein Leichtes. 

Alberto hatte schon in der letzten Nacht den LKW ganz in der Nähe versteckt und fuhr auf ein Lichtzeichen von uns vor. In Windeseile beluden wir die Ladefläche. Es war alles so einfach. Gott, ich wollte fast lauthals heraus lachen. Doch dann hörten wir aus weiter Ferne Motorengeräusche, die sich näherten. Ich forderte Alberto auf, sofort loszufahren und die Medikamente in Sicherheit zu bringen. 

Naria und ich wollten noch die Türen des Hauses verschließen, damit wenigsten oberflächlich der Eindruck, es habe alles seine Ordnung, bestehen blieb. Wir hatten uns gerade in die Büsche am Wegrand geschlagen, als der gepanzerte Wagen vor dem Gebäude zum Stehen kam. 

Ich faßte Narias Hand und lief, sie hinter mir herziehend, los. Ich wollte soviel Abstand wie möglich zwischen uns und die Soldaten bringen, wenn sie entdeckten, daß das Tor aufgebrochen war. Wir hatten schon ein gutes Stück zurück gelegt, als wir laute Rufe, Schüsse und abgehackte Befehle hörten. 

Gehetzt rannten wir weiter, Hand in Hand, immer weiter, auch noch, als die Stimmen der Soldaten hinter uns längst nicht mehr zu hören waren. Doch plötzlich stolperte Naria, stürzte zu Boden und riß mich mit sich. 

Ich lag auf ihr, hörte ihr Herz an meiner Brust hämmern, spürte ihren stoßweisen Atem in meinem Gesicht und verspürte mit einemmal ein nie vorher erlebtes Glücksgefühl, das meinen Körper wie Stromstöße durchraste. Es war wie pure Elektrizität und ich konnte nicht anders, ich küßte sie, küßte ihre herrlichen Lippen, bedeckte ihre schönen Augen mit kleinen Küssen, ihren Hals, ihr Gesicht und wieder ihren Mund, und sie erwiderte meinen Kuss. Wir waren wie von Sinnen, rissen uns gegenseitig die Kleider vom Leib, vergaßen alles rings um uns her und liebten uns auf da auf dem Boden, mitten im Djungel, mitten in der Nacht, mitten in all der uns umgebenden Gefahr. 

Und es war wie eine Reinigung, die sich in meinem Inneren vollzog. All die Ängste, die Frustration, die Wut, die sich in den letzten Monaten in mir aufgestaut hatten, wurden fortgespült von unserer Leidenschaft. 

Hinterher lagen wir erschöpft dort, ich hatte meinen Kopf zwischen ihre Brüste gelegt, streichelte sanft die kleine Erhebung ihres Bauches und ich sagte ihr, daß ich sie liebe und sie mit mir nach Gotham nehmen würde, wenn ich eines Tages dahin zurückkehre. Sie machte ein komisches kleines Geräusch, als würde sie lachen, doch als ich in ihr Gesicht blickte, sah ich in ihren Augen Tränen schimmern. Dann schob sie mich sanft von sich und begann, sich anzukleiden.

Als wir zurück zum Hospital kamen, wartete ein zufrieden grinsender alter Pfarrer schon auf uns. 

28. Juni
Natürlich war und bin ich für den Einbruch im Depot der Hauptverdächtige Nummer Eins, aber die Soldaten, die das Hospital einer gründlichen Durchsuchung unterzogen, wurden nicht fündig und mußten unverrichteter Dinge wieder abziehen, um sich wieder ihrem immer härter werdenden Kampf gegen die Rebellen zu widmen. Meine Patienten befinden sich allesamt auf dem Weg der Besserung und unsere Tage werden wieder etwas ruhiger. 

Ich habe einen Brief an Martha geschrieben, in dem ich unsere Verlobung löse. Ich hoffe, ich kann ihn sobald wie möglich absenden, damit in allen Dingen Klarheit herscht. Mit ihr verbinden mich freundschaftliche Gefühle, das habe ich erkannt, doch Naria ist in meinem Blut. 

Nach unserer gemeinsamen Nacht wollte sie mir aus dem Weg gehen, doch das kann und will ich nicht zulassen. Immer wieder versichere ich ihr, daß meine Worte ernst gemeint waren, daß ich sie liebe und, wenn es so sein soll, auch mit ihr hier auf Santa Prisca bleiben werde. 

23. Juli
Naria wird meine Frau! Ich kann mein Glück kaum fassen. Unter Tränen sagte sie mir, daß auch sie mich liebe und - mein Hand zittert, während ich dies schreibe - daß sie unseren Sohn erwarte. Meinen Sohn. In dieser wahnsinnigen Nacht, unserer ersten Liebesnacht, haben wir ein Kind gezeugt. Meine Güte, wenn ich das lese, kommt es mir fast vor wie die Geschichte eines dieser unsäglichen Herz-Schmerz-Hollywood-Schinken. Und dennoch: mein Herz will schier platzen vor Glück. 

Natürlich wird Alberto die Trauung durchführen. Der gute Alte war so überrascht, als ich ihn lachend umarmte und auf beide seiner faltigen Wangen einen dicken Kuß drückte.

Einziger Wehrmutstropfen: Die Kämpfe scheinen immer näher zu kommen, wir hatten schon erste Verwundete in unserem Hospital. Es wird gemunkelt, daß die Rebellion aus dem Ausland, insbesondere aus den Vereinigten Staaten, unterstützt wird. Ich mache mir Sorgen um Naria und unser Kind.

26. Juli
Mein Leben ist zerstört. Ich habe Naria verloren, für immer verloren. Ich befinde mich in einem Flugzeug auf dem Weg nach Gotham, allein, ohne sie.

Ein vorgeblicher Angestellter des amerikanischen Roten Kreuzes, von dem ich aber eher glaube, daß er ein Agent der CIA ist, war in den frühen Morgenstunden im Hospital aufgetaucht und hatte mich aufgefordert, sofort meine Habseligkeiten zu packen und mich auf die Ausreise vorzubereiten. Alle ausländischen Besucher von Santa Prisca würden noch im Laufe desselben Tages evakuiert werden. Die Regierungstruppen, zornig über die vom Ausland geförderte Schlagkraft der Rebellen, hatten ihre Angriffsziele nun auch auf ausländische Einrichtungen gerichtet und man befürchte ein Massaker. 

Naria war schon früh aufgebrochen, um Besorgungen zu machen, ich wußte nicht, wann sie zurückkehren würde, also weigerte ich mich zunächst beharrlich, die Stellung zu räumen. Als jedoch Alberto, der Zeuge des Gesprächs war, mir eindringlich die Gefahr, in der ich schwebte, vor Augen führte und versprach, er werde Naria suchen und sofort zu dem Hubschrauberlandeplatz bringen, von dem aus diese Region der Insel evakuiert werden solle, gab ich nach. 

Während ich packte, gab ich ihm Anweisungen für die Behandlung der Kranken, erklärte ihm die Dosierungseinheiten für die jeweiligen Patienten und ließ ihn einige schriftliche Anmerkungen in den Krankenblättern machen. Den Brief an Martha war ich kurzerhand in den Papierkorb, ich hatte ihn noch nicht absenden können und würde nun sowieso alles in einem persönlichen Gespräche klären können.

Zum Abschied nahm ich Alberto nochmals fest in die Arme. Der alte Mann war ein Vorbild, ein Freund und ein Vater für mich geworden. Immer wieder ermahnte ich ihn, mir Naria ganz sicher zum Landeplatz zu bringen. Und ich hätte das wohl noch stundenlang fortgeführt, hätte mich der CIA Agent nicht mehr oder weniger genötigt, endlich in den bereitstehenden Wagen zu steigen.

Auf dem Landeplatz herrschte hektische Betriebsamkeit. Immer mehr US-Bürger und einige wenige Angehörige anderer Staaten trafen ein. Die ersten Hubschrauber waren schon gestartet, in einem von ihnen hätte ich sitzen sollen, doch da Naria und Alberto immer noch nicht eingetroffen waren, war es mir gelungen, mit jemandem meinen Platz zu tauschen, der es viel eiliger hatte, die Insel zu verlassen. 

Ich wurde ungeduldig, krank vor Sorge. Ich betete und fluchte und betete wieder, daß Naria rechtzeitig eintreffen würde. Der letzte Hubschrauber wurde startklar gemacht und es konnte sich nur noch um wenige Minuten handeln, bis er abheben würde. Man forderte mich auf, einzusteigen, doch ich weigerte mich. Ich spielte schon mit dem Gedanken, mir mein Gepäck zu schnappen und einfach auf der Insel zu bleiben, als ich Alberto und Naria am Rand des Platzes auftauchen sah. Ich schrie und winkte, ließ mich aber, nachdem er mir versprochen hatte, noch zu warten bis Naria an Bord sei, von dem Co-Piloten schon in den Hubschrauber drängen. 

Und während Naria auf den Hubschrauber zurannte, Alberto, dem sein Alter sichtlich zu schaffen machte, hinter sich lassend, kamen sie. Regierungstruppen. Der Pilot, sobald er ihrer angesichtig wurde, startete umgehend die Motoren, die riesigen Rotoren begannen sich immer schneller zu drehen, Naria rannte, versuchte verzweifelt, den Wettlauf gegen die schnellen Jeeps der Soldaten zu gewinnen, ich schrie, war wie von Sinnen, konnte meine eigenen Schreie wegen des unerträglichen Sirrens der Flugblätter nicht mehr hören, die jetzt die zum Starten notwendige Geschwindigkeit erreicht hatten. Dann sah ich, wie die Fahrzeuge Naria erreichten, sie aufhielten, fühlte Hände, die mich festhielten, als ich versuchte aus der Maschine zu stürzen, verlor Naria aus den Augen, als die Türen des Hubschraubers geschlossen wurden, schrie und schlug wie ein Berserker um mich. Vergebens. Verloren. Der Hubschrauber hob ab, trennte mich unbarmherzig von meiner Geliebten, von meinem Kind, von meinem Leben. 

Und nun sitze ich hier, atme, lebe, und bin doch tot. Denn ich weiß, was es bedeutet, daß sie den Soldaten in die Hände fiel. Im gnädigsten Fall einen schnellen Tod....


***

Bruce ließ das Buch sinken. Das Feuer im Kamin war fast heruntergebrannt, doch er brachte es nicht fertig, Holz nachzulegen. Sein Vater hatte diese Frau geliebt. Und als es darauf ankam, mußte er sie und sein ungeborenes Kind hilflos den Soldaten überlassen. Bruce konnte seinem Vater die ohnmächtige Wut und das Gefühl des Versagens nachempfinden, bildeten sie doch den größten Bestandteil seines eigenen Lebens. 

Mit seiner Mutter war Thomas eine Partnerschaft eingegangen, die auf gegenseitigem Respekt, allergrößter Zuneigung und Freundschaft basierte. Bruce konnte sich noch gut an die Harmonie erinnern, die seine Eltern ausgestrahlt hatten, und die ihn als Kind eingehüllt hatte wie eine wohlig warme Decke. Das war echt, da war nichts gespielt gewesen. Und doch hatte all die Jahre in seinem Vater dasselbe Feuer gebrannt, wie es nun in ihm loderte. Thomas hatte es niedergekämpft, seiner Frau und seinem Sohn zuliebe. Ob Martha von Naria gewußt hatte?

Er hörte hinter sich ein leises Räuspern und sah, als er sich umblickte, Alfred, der still den Raum betreten hatte.
"Ja, Alfred?"
"Sir, ich habe bemerkt, daß Sie das Tagebuch Ihres Vaters entdeckt haben."
"Sie wußten davon?"
"Ja, Sir, ich wußte, daß es existiert."
"Warum haben Sie mir nie davon erzählt?"
"Nun - ich wollte verhindern, daß Sie dieses herrliche Anwesen bis auf die Grundmauern niederreißen, nur um es zu finden. Ich war der festen Überzeugung, daß Sie es eines Tages durch einen Zufall selber entdecken würden."
"Seit wann sind Sie ein Hellseher, Alfred?" Bruce konnte sich die bissige Bemerkung nicht verkneifen. 

"Master Bruce, ich verstehe Ihren Unmut durchaus, aber was hätte ich tun sollen? Anfangs waren Sie zu jung, zu verletzt, als daß ich Sie damit belasten wollte. Später machten Sie Ihre Ausbildung, der Kampf begann, und im Laufe der Jahre - habe ich es schlichtweg vergessen..." 
Alfred blickte verlegen auf seine Schuhspitzen. Bruce brachte es beim Anblick seiner offensichtlichen Niedergeschlagenheit nicht fertig, dem alten Freund ernsthaft böse zu sein. 
"Schon gut Alfred, vergessen Sie's", brummte er. "Ich habe es ja gefunden, ganz so, wie Sie vorausgesehen haben."

"Da ist aber noch etwas, Sir."
"So? Noch etwas, das Sie vergessen haben und das ich durch Zufall selber finden sollte?"
"Nicht ganz, Sir."
"Mein Gott, Alfred, so spannen Sie mich doch nicht so auf die Folter! Heraus damit, was ist es?"
"Dieser Brief, Sir." Alfred hielt einen von langen Jahren vergilbten Umschlag in die Höhe. "Ihr Vater erhielt ihn am Tag seiner - am Tag, als - hier, Sir, hier ist er."
Bruce öffnete den Umschlag und fand darin ein beschriebenes Blatt Papier. Es sah aus, als sei es in höchster Erregung zerknüllt und dann sorgfältig wieder glatt gestrichen worden. Bruce' Blick fiel auf das Datum. Der Brief war drei Tage vor dem Tod seiner Eltern geschrieben worden.

"Wie kommen Sie zu diesem Brief, Alfred?"
"Ich betrat die Bibliothek, um Master Thomas mitzuteilen, daß die Kinokarten an der Abendkasse hinterlegt seien. Er hielt sein Tagebuch in Händen, wollte es anscheinend gerade wieder weglegen, und bemerkte nicht, daß der Brief herausrutschte und zu Boden fiel. Ich fand ihn, als ich die Herren von der Kriminalpolizei, die Sie nach Hause brachten, in die Bibliothek führte, steckte ihn ein und... habe ihn wohl vergessen."

Alfred war sichtlich niedergeschlagen. "Als ich Sie heute Abend in dem Buch lesen sah, fiel es mir ein, und... bitte verzeihen Sie meine Nachlässigkeit, Sir."
Bruce hatte schon begonnen den Brief zu lesen, als Alfred noch seine Abbitte leistete. Jetzt ließ er erschüttert den Brief sinken. 
"Oh, mein Gott!"

***

Die Nacht hatte sich über Gotham herabgesenkt, die Straßenbeleuchtung gaukelte denen eine trügerische Sicherheit vor, die so spät noch unterwegs waren, doch hoch über den Dächern der Stadt spendete nur der fahle Mond sein Licht. Dies war seine Welt, seine wahre Heimat. Hoch über dem nie verstummenden Murmeln des Molochs konnte er fühlen, wie sich ihm jemand näherte. Er wandte sich um und sah sich seinem ärgsten Feind gegenüber. Doch heute hatte er das Treffen selber herbei geführt, hatte alles daran gesetzt, daß es zustande kam.

"Ich habe Informationen bekommen", er schluckte trocken. "deinen Vater betreffend."
Wenn Bane gefühlsmäßig betroffen war, so ließ er sich davon nichts anmerken. Unbewegt blickte er Batman an.
"Allem Anschein nach ist dein Vater Dr. Thomas Wayne."
Bane starrte ihn noch einen Augenblick unentwegt an, dann legte er den Kopf zurück und lachte, lachte aus vollem Hals.

Batman fühlte Zorn in sich aufsteigen. Er wollte dieses Lachen zum Schweigen bringen, wollte es mit seiner Faust in den Rachen des Mannes, der sein Bruder war, zurückstopfen. Die Neuigkeiten des letzten Tages waren zuviel für ihn gewesen, seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt und er stand kurz davor, seine Beherrschung zu verlieren.
Als hätte Bane gespürt, was in ihm vorging, hörte er abrupt mit seine Gelächter auf und fragte: "Ja - und?"
"Es bedeutet, daß wir Brüder sind!" preßte Batman hervor.
"Und noch mal: ja - und?", erwiderte Bane ungerührt.
Batman starrte ihn fassungslos an: "Es ist dir gleichgültig?"
"Ändert es etwas?" fragte Bane zurück. 
"Ich finde, es ändert alles!" fast trotzig fuhr Batman ihn an.

Bane konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Die Situation hatte etwas von einem typischen "Großer Bruder - Kleiner Bruder"-Gerangel. Er schüttelte den Kopf und sagte, fast besänftigend, wie zu einem Kind: 
"Nein Bruce, es ändert gar nichts. Was erwartest du denn? Daß ich die Seiten wechsle? Daß ich, wie du, fortan für das Gute eintrete? Nein, da wo ich jetzt bin, da will ich auch sein. Du sagst, wir sind Brüder. Wir haben den selben Vater. Gut. Du hast schon immer eine sonderbare, unerklärliche Anziehung auf mich ausgeübt. Ein Dichter würde von der Stimme des Blutes sprechen. Doch was soll's? Wir sind wie die zwei Seiten einer Münze - unvereinbar. Da, wo du die Welt retten willst, will ich sie büßen lassen für all meine Qualen. Da, wo du Opfer bringst, um deine Bestimmung zu erfüllen, nehme ich mir, was ich bekommen kann, und notfalls auch mit Gewalt. Nein - es ändert gar nichts, daß wir Brüder sind, denn wir beide können uns nicht ändern." 

Batman wollte etwas sagen, doch Bane brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
"Was hattest du erwartet? Daß ich dir um den Hals falle? Auch wenn du mich offiziell als deinen Bruder anerkennen und mir die Hälfte von allem, was du hast, geben würdest, so würde ich dennoch ablehnen. Mir ging es nie um Geld, bei allem was ich tat. Ich wollte Macht. So wie andere zuerst Macht über mich hatten, wollte ich nur Macht über das Leben anderer. Nein, Bruce, es ändert nichts. Nicht mehr."

Batman fühlte kalte Wut. "Du arroganter Hund. Bist du fertig mit deiner Ansprache? Gut! Meinst du, es sei mir leicht gefallen, heute Abend hierher zu kommen? Dir zu sagen, was zu sagen ist? Du hast mich zum Krüppel gemacht, nur um deiner Machtbesessenheit zu frönen. Du hast mich bekämpft, mir das Leben zur Hölle gemacht in jeder nur erdenklichen Beziehung. Denkst du, so was könnte man so einfach vergessen? Ich kann es nicht! Und doch hielt ich es für meine Pflicht, schon um meines Vaters willen, um unseres Vaters willen, dir zu erzählen, was ich erfahren habe."

"Unserem Vater", versonnen sprach Bane die beiden Worte aus. "Gott, wie oft habe ich mir als Kind gewünscht, mein Vater würde kommen, Pena Duro in Schutt und Asche legen und mich mitnehmen. Unser Vater. Wie ich sehe, war er statt dessen damit beschäftigt, sich ein besseres Leben aufzubauen. Oh komm', verschone mich damit!"

Etwas in Batman zerriß. Mit einem Wutschrei stürzte er sich auf den Koloß. Er riß Bane, der von dem Angriff derart überrascht wurde, daß er den Bruchteil einer Sekunde zu spät reagierte, zu Boden. Batman kam rittlings auf seinem Brustkorb zu sitzen. Er war rasend vor Zorn und schlug zu - schlug zu - schlug zu.... und mit jeden Schlag schrie er ein Wort in Banes Gesicht. "Er... - ...dachte... - ...du… - …seist… - …TOT!!!!"

Er spürte, wie der Muskelberg unter ihm erschlaffte und hielt inne, zwang seinen Wunsch nieder, bis ans Ende seines Lebens weiter auf diesen Mann einzuschlagen. Schwer atment ließ er sich zur Seite fallen. Und noch einmal, doch deutlich beherrschter, sagte er: "Er dachte, du seist tot. Er hat erst am Tag seiner Ermordung erfahren, daß du noch lebst."

Bane richtete sich halb auf und musterte Batman durchdringend. 
"Woher weißt du das?"
Bruce begann mit stockender Stimme vom Tagebuch seines Vaters - ihres Vaters - zu sprechen, gab Bane eine Zusammenfassung dessen, was Thomas an Glück und Leid auf Santa Prisca durchlebt hatte. Dann reichte er ihm den Brief.
"Lies selbst!"

Bane drehte sich, bis das Mondlicht auf die Worte fiel, die ein alter, verzweifelter Mann mit zittriger Handschrift zu Papier gebracht hatte und die sein, Banes Leben hätten ändern können, wäre da nicht vor vielen Jahren ein schrecklicher Mord in der Crime Alley geschehen...

Lieber Thomas,
es ist ein Wunder! Auch wenn die Umstände, die dieses Wunder begleiten, eher traurig zu nennen sind. Doch ich will von Anfang an erzählen:
Ich wurde heute zu einem auf dem Sterbebett liegenden Mann gerufen, um ihm die Heilige Ölung und letzte Absolution zu erteilen. Dieser Mann hatte schwere Schuld auf sein Gewissen geladen, mit der belastet er nicht vor unseren Schöpfer treten wollte. Und unter Schmerzen beichtete er mir seine Sünden. Er war vormals Aufseher in Pena Duro, dem Gefängnis auf unserer schönen, leidgeprüften Insel, und in dieser Eigenschaft quälte er viele Jahre lang die armen Gefangenen, die seiner Willkür hilflos ausgeliefert waren. 
Doch was ihm am meisten zu schaffen machte, war das Schicksal einer Frau und ihres Kindes, das, noch ungeboren, im Leib seiner Mutter, zu lebenslanger Haft verurteilt worden war und bis zum jetzigen Zeitpunkt innerhalb der Gefängnismauern aufwächst. 
Er erzählte mir, daß die Behörden den Namen der Frau in den Akten geändert hätten, daß sie offiziell für tot erklärt wurde, aber er kannte ihren richtigen Namen: Naria Hernandez.
Thomas, unsere Naria lebte, sie wurde damals, an diesem schrecklichen Tag, als Sie uns verließen, nicht von diesen Bestien ermordet und auch nicht später, sie lebte und brachte Ihren Sohn zur Welt. Ich konnte mich kaum beherrschen und wollte den Mann schütteln, damit er mir weiter berichtete. Doch mit seinen letzten Atemzügen wimmerte er, daß Naria vor drei Jahr gestorben und ihr Sohn nun völlig alleine im Gefängnis sei. 
Ein Kind - noch keine zehn Jahre alt - mitten unter Schwerverbrechern und allerübelsten Gesellen. Bevor ich den Namen, unter dem der Junge im Gefängnis geführt wird, in Erfahrung bringen konnte, verstarb der Mann.
Ich weiß, Thomas, daß Sie nun nicht eher ruhen werden, bis Sie Ihren Sohn aus Pena Duro befreit haben und ich erwarte ungeduldig Ihre Antwort.

Gott segne Sie,
Alberto 

Santa Prisca, 23. Juni

Die Hand, mit der Bane den Brief hielt, hatte, während er las, zu zittern begonnen und jetzt sank sie herab, als wögen die Worte Tonnen. Er blickte zu Batman. In seinen Augen spiegelten sich unzählige Fragen, eine konnte Batman beantworten.
"Pater Alberto starb am 24. Juni unter mysteriösen Umständen. Niemand weiß etwas genaues, niemand ist bereit, zu reden. Deshalb hat er die Sache auch nicht weiter verfolgen können, nachdem sich mein - unser - Vater nicht auf sein Schreiben gemeldet hatte."

Batman hatte, während Bane den Brief las, ruhig da gesessen, doch nun erhob er sich. Er sah auf seinen Bruder herab und steckte ihm spontan die Hand entgegen, um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein. Zu seiner größten Überraschung griff Bane zu und kam mit einem Ruck ebenfalls auf die Beine. 

Für einen Augenblick standen sich die beiden Brüder gegenüber, Auge in Auge, nur Millimeter voneinander getrennt, immer noch Hand in Hand. Stumme Botschaften wurden ausgetauscht, gemeinsames Leid unhörbar beklagt, vergossene Tränen verlassener Kinder zu einem einzigen salzigen Strom vereint. 

Dann war der Moment dahin. Gleichzeitig traten beide voneinander fort, darum wissend, daß es für sie nie mehr als diese wenigen Sekunden geben würde und sie erneut einen Verlust erlitten hatten. Stumm bedeutete Bane, daß er den Brief behalten wolle. Batman gab mit einem Kopfnicken seine Zustimmung, zog dann, einer spontanen Eingebung folgend, das Tagebuch unter seinem Umhang hervor und drückte es Bane in die Hände. "Hier, nimm, es ist deine Geschichte!" 
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schritten sie in entgegengesetzer Richtung davon. 

Als Batman zum Rand des Daches gelangt war, wandte er sich ein letztes Mal um und sah, daß auch Bane zurückblickte. Durch den Wind, der plötzlich durch die Straßenschluchten heulte, glaubte er etwas zu hören, doch dann war der große Mann verschwunden. 

"...Bruder..."

©2002 Luise Rödig

 
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