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Fan-Fiction

 

Fosser Road

Batman stand der kalte Schweiß auf der Stirn. Seit etlichen Minuten sprach er mit der Frau, die am Rand des Daches stand und vorhatte, sich in die tiefen Schluchten von Gothams Straßen zu stürzen. Ihn hatte sofort ein merkwürdiges Gefühl beschlichen, als er ihrer gewahr wurde. Anders als bei den Kriminellen, mit denen er sich Tag für Tag auseinander setzte, jagte ihm ihr Erscheinen einen eisigen Schauer über den Rücken. Die Frau strahlte unaussprechliche Trauer und Hoffnungslosigkeit aus, obwohl sie noch so jung war, fast noch ein Kind. Behutsam hatte er sich ihr von hinten genähert, wohlwissend, dass sein Kostüm nicht nur auf Verbrecher bedrohlich wirkte und er wollte nicht, dass sie vor Schreck einen unbedachten Schritt tat, und so ihr Vorhaben schneller in die Tat umsetzte, als ihr vielleicht lieb war.

Lautlos war er bis auf wenige Schritte an sie herangekommen, seine Muskel waren angespannt und er war bereit, zuzugreifen und sie von dem schrecklichen Abgrund fortzuzerren, als er auf einmal ihre Stimme hörte.

„Sie sind Batman, nicht wahr? Ich habe von Ihnen gehört.“ Eine schlichte Feststellung, emotionslos, tot, ihre Stimme klang spröde wie zerbrochenes Glas, nicht im mindesten überrascht. Er verspürte plötzlich einen furchtbaren Druck in der Magengegend, der sich rasend schnell steigerte und er wünschte sich in diesem Moment fast, jemanden wie den Joker oder Two-Face vor sich zu haben. So gewissenlos und grausam die Bösen von Gotham auch sein mochten, hatte er auf ihre Taten doch immer eine Antwort: er selber war die Antwort. Doch diese Frau machte ihn hilflos. Sie hatte ihm gedroht, bei der kleinsten Bewegung zu springen. Und ihm war nichts übrig geblieben, als sein Handeln auf Reden und Zuhören zu beschränken. Sie schien nicht aus dieser Welt gehen zu wollen, ohne wenigsten einer Person den Grund für ihren Entschluß zu sterben mitzuteilen, und diese Person war er. Und so hatte sie ihm ihre Geschichte erzählt.

„Ich war siebzehn, als ich schwanger wurde. Mike, mein Freund, wurde kurze Zeit später bei einer Schießerei getötet. Meine Eltern waren schon lange tot. Die Leute werden nicht alt in der Fosser Road. Also war ich ganz allein, als ich Danny bekam. Er war so klein und zart, aber er gab mir Hoffnung und Kraft, für uns ein besseres Leben aufzubauen, als ich es gehabt hatte. Solange er noch so klein war, bekam ich Geld von der städtischen Wohlfahrt.

Doch eines Tages wurde mein Danny krank. Der Arzt des Wohlfahrtsamtes hat ihn nicht mal untersucht, sagte nur, ihm würden Vitamine fehlen, ich sollte mich besser um ihn kümmern. Und gab mir Tabletten für mein Kind. Aber ich hatte meinem Danny doch immer Obst gekauft, obwohl wir so wenig Geld hatten. Es ging Danny immer schlechter, er verlor Gewicht, war blass und hatte Schmerzen.

Ich ging mit ihm zu einem Krankenhaus, doch die konnten ihn nicht behandeln, weil wir keine Versicherung hatten und schickten mich wieder zum Wohlfahrtsarzt. Der schimpfte mit mir, sagte, ich sei eine schlechte Mutter, die sich nicht richtig um ihr Kind kümmern würde und gab mir noch mehr Vitamintabletten. Als ich ihm sagte, dass ich mich auch krank fühlen würde, hat er mich nur ausgelacht.

Vorgestern ist mein kleiner Danny gestorben. Ich brachte ihn noch einmal zu dem Arzt, aber der zuckte nur mit den Schultern und sagte, dann müsse ich jetzt arbeiten gehen, weil ich ja nun kein Geld mehr von der Stadt bekäme. Dann haben sie meinen Danny weggebracht. Ich konnte gar nichts tun.“

Batman hatte fassungslos zugehört. Fassungslos wegen der ruhigen, fast monotonen Art, mit der sie erzählte, weil sie keine Tränen mehr hatte und auch keine Kraft mehr, sich gegen ihr Schicksal aufzulehnen. Doch ebenso fassungslos über das kaltschnäuzige Verhalten eines Mannes, der einen Eid darauf geleistet hatte, Menschen zu helfen und ihr Leben zu retten.

Doch die Frau war noch nicht fertig. Denn während der letzten 48 Stunden, von dem Augenblick an, als ihr Sohn an seiner unerklärlichen Krankheit gestorben war, mußte sie durch die Hölle gehen.

„Ich ging dann zur Arbeitsvermittlung. Doch natürlich gab es keine Arbeit für mich. Gelernt habe ich nichts, und für irgendeinen anderen Job hielt mich die Vermittlerin für ungeeignet, keine Ahnung, warum. Obwohl ich sie angebettelt habe. Sie hat mich wieder zur Wohlfahrt geschickt.“

Batman fand die Entscheidung der Sachbearbeiterin richtig und vernünftig. Bruce Wayne hätte auch niemals jemanden eingestellt, der so elend und krank aussah, wie diese junge Frau.

„Draußen auf der Straße sprach mich dann ein Mann an. Er war toll angezogen und sehr freundlich. Er hätte bemerkt, dass es mir nicht gut ginge und würde mir gern helfen. Ich habe ihm gesagt, dass ich Arbeit suche.“

„Warum sind Sie denn nicht wieder zum Wohlfahrtsamt gegangen. Dort hätte man Ihnen doch helfen müssen. Vor allem, da Sie ebenfalls nicht gesund zu sein scheinen“, unterbrach Batman sie.

„Aber Doktor Hendley hat doch gesagt, ich müsse jetzt arbeiten“, sie schien erstaunt zu sein, dass irgendjemand die Entscheidungsgewalt des Mediziner in Zweifel ziehen konnte. Batman wollte jetzt nicht mit ihr darüber diskutieren, denn er befürchtete, dass sie dann aufhören könnte zu reden. Und solange sie redete, würde sie nicht springen. Also bat er sie, mit ihrer Geschichte fortzufahren.

„Der Mann sagte also zu mir, dass er mir Arbeit geben könnte. Er brachte mich in ein Hotel. Ich dachte, ich sollte als Zimmermädchen für ihn arbeiten. Er drückte mir Kleider in die Hand, die waren fast durchsichtig und sogar mir noch zu klein. Ich wußte gar nicht, was er von mir wollte. Auf einmal war er gar nicht mehr so freundlich. Er sagte, ich solle mich nicht so dumm anstellen. Da wurde mir klar, dass ich für ihn mit Männern schlafen sollte. Und auf einmal war mir alles egal. Ich zog die Sachen an und kurze Zeit darauf betrat ein Mann das Zimmer und ich... und ich...“, sie schluckte hart. „Ich war wie tot. Als es vorbei war und der Mann das Zimmer wieder verlassen hatte, wußte ich, dass ich so nicht leben wollte und auch nicht konnte. Deshalb bin ich hier. Es ist vorbei. Ich will nur noch zu meinem Danny.“ Ein Zucken durchlief sie, als machten sich ihre Muskeln schon bereit, ihren Körper in die Tiefe zu katapultieren.

„Warten Sie,“ rief Batman mit belegter Stimme. Er überlegte fieberhaft, erwog das Für und Wider und faßte einen Plan. „Warten Sie ..., bitte, ich weiß nicht mal Ihren Namen.“

„Meinen Namen? Meinen Namen“, ihre Stimme schien von weit her zu kommen, sie hatte geistig den Sprung schon gemacht und war erstaunt, seine Bitte noch zu hören. Doch dann reagierte sie:

„Mein Name ist Claire.“

„Claire, bitte, ich möchte Ihnen einen Handel vorschlagen. Ich möchte eine Woche von Ihnen. Eine Woche. Ich werde Sie an einen sicheren Ort bringen, wo Sie sich ausruhen können. Einen Ort, an dem man es gut mit Ihnen meint. Eine Woche, Claire. Wenn Sie dann immer noch diese Welt verlassen möchten, werde ich Sie selber wieder hierher bringen. Ich verspreche es, Claire. Nur geben Sie sich die Chance, in Ruhe über alles nachzudenken“, beschwörend sprach er auf sie ein, streckte ihr seine Hand entgegen.

Sie schien überlegen, hatte den Kopf geneigt und schien den Worten nachzulauschen. Und dann trat sie einen Schritt vom Abgrund zurück, dann noch einen und dann ergriff sie seine Hand.



Es kam nicht gerade häufig vor, dass das Batmobil vor dem Portal von Wayne Manor vorfuhr. Dem entsprechend verblüfft blickte Alfred Batman entgegen, als dieser gemeinsam mit Claire das Haus betrat. Doch schnell hatte sich der Butler gefaßt und er fragte höflich und doch distanziert: „Mr. Batman, welch eine Überraschung. Sie wünschen, Sir?“

Batman war dankbar ob des schnellen Reaktionsvermögens seines langjährigen Freundes und nickte dem Butler grüßend zu: „Ist Mr. Wayne zu sprechen?“

Ungerührt antwortete Alfred: „Nein, Sir, tut mir leid. Mr. Wayne befindet sich in einer geschäftlichen Besprechung und darf während der nächsten Stunde auf keinen Fall gestört werden. Kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?“

Der Mann in der Maske schien zu zögern, sein Anliegen vorzubringen, und Alfred hatte Mühe, sich bei der schauspielerischen Darbietung ein Lächeln zu verkneifen. Endlich rang sich Batman dazu durch, zu reden:

„Leider habe ich nicht die Zeit, auf Mr. Wayne zu warten. Es handelt sich um einen Gefallen, um den ich Mr. Wayne bitten möchte. Ich möchte ihm diese junge Frau hier anvertrauen. Für die Dauer von einer Woche. Dann werden wir weitersehen.“

Alfred richtete seinen Blick auf Claire, die bis dahin im Schatten des Dunklen Ritters gestanden hatte. Im strahlenden Licht von Wayne Manor sah sie noch elender aus, und das Herz des alten Mannes zog sich bei ihrem Anblick vor Mitleid zusammen.

„Ich denke, ich spreche im Sinne von Master Bruce, wenn ich sage, dass das in Ordnung geht, Sir. Er ist sicher gerne bereit, Ihrem Wunsch nachzukommen. Ich werde der Miss noch einen kleinen Imbiß zubereiten und ihr dann ihr Zimmer zeigen, wenn es recht ist.“

„Danke, Alfred. Und richten Sie Ihrem Herrn meine Grüße aus“, erwiderte Batman.

Als Claire sich zu ihm umwandte, war er schon verschwunden.

Sie hatte, seit sie vom Dach herabgestiegen war, kein Wort gesprochen und auch jetzt blieb sie stumm, während Alfred sie ins Eßzimmer führte. Er bat sie, sich an den Tisch zu setzen und goß ihr eine Tasse Kaffee ein. Dann verließ er sie, um in der Küche etwas für sie herzurichten.

Claire war immer noch wie betäubt. Verstohlen sah sie sich in dem Raum um, in den Alfred sie gebracht hatte. Die Einrichtung und Größe, das ungewohnte Ambiente ließen sie schwindelig werden. Da stieg ihr der Duft des Kaffees in die Nase und vorsichtig nahm sie einen Schluck. Und noch einen. Das heiße Getränk tat ihr gut. Doch dann betrat ein großer breitschultriger Mann das Zimmer und sah sie überrascht an. Mit einem erstickten Schrei sprang sie auf und... verlor das Bewußtsein.



Als sie wieder zu sich kam, blickte sie geradewegs in die gütigen Augen einer älteren Frau, die sich über sie gebeugt hatte, um mit einem Stethoskop ihren Herzschlag abzuhören.

„Hallo, meine Liebe. Mein Name ist Dr. Thompkins. Mr. Wayne hat mich gerufen, nachdem Sie ihm einen tüchtigen Schrecken eingejagt haben“, sie packte das Untersuchungsgerät weg, während sie weitersprach. „Sie hatten einen Schwächeanfall. Ist Ihnen so etwas schon mal passiert? Nein? Nun, Sie sollten sich ausruhen. Hier sind Sie in den besten Händen. Ich werde Ihnen jetzt noch etwas Blut abnehmen, und morgen sehe ich wieder nach Ihnen.“

Claire ließ die Blutentnahme über sich ergehen, dann überwältigte sie die Müdigkeit und sie fiel in einen tiefen Schlaf.



Dr. Leslie Thompkins packte Bruce am Ärmel und zog ihn von der Tür zu Claires Zimmer weg, wo er die ganze Zeit während der Untersuchung gewartet hatte. Sie schwieg, bis sie mit ihm vor dem Kamin im Salon saß. Dann sah sie ihm direkt in die Augen: „Ich werde dir zunächst sagen, wie es ihr geht, aber dann mußt du mir einige Fragen beantworten. Zunächst einmal: Sie ist sehr krank. Sie hat Fieber, wahrscheinlich Schmerzen, sie ist unterernährt, ihr Puls rast, kurz, sie ist mit ihren Kräften am Ende, und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes. Wahrscheinlich wirst du sie für weitere Tests zu mir ins Krankenhaus bringen müssen, da die Blutuntersuchung nicht genügend Aufschluß für eine genaue Diagnose hergeben wird. Und nun erzähle, wer ist sie? Und warum befindet sie sich in Bruce Waynes geheiligten Hallen?“

„Ich habe sie auf einem Dach gefunden – sie wollte sich umbringen.“ Und dann erzählte Bruce der Frau, mit der schon sein Vater befreundet war, und die eine der wenigen war, die um seine andere, wahre Identität wußten, was er über den Dächern von Gotham City erfahren hatte.

Alfred hatte, ganz Diskretion, still das Zimmer betreten und hörte ebenfalls zu. Als Bruce seinen Bericht beendet hatte, räusperte sich der Butler und sagte:

„Miss Claire ist eine ganz reizende junge Dame, wenn ich das sagen darf, Sir. Ich bin froh, dass Sie sie hierher gebracht haben.“

„Irgendetwas an ihr hat mich tief berührt, ich konnte sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen, und, so sonderbar das auch klingen mag, mir fiel in diesem Moment einfach keine andere Lösung ein“, entgegnete Bruce.

„Nicht sonderbar, Bruce, menschlich“, wurde er leise von Leslie korrigiert. „Nichts destotrotz ist das Verhalten meines Kollegen, wie hieß er noch, Doktor Hendley, mehr als merkwürdig. Vielleicht sollte man ihn einer eingehenden Prüfung unterziehen“, mit diesen Worten erhob sich die Ärztin. „Ich bringe die Blutprobe sofort ins Labor und komme morgen wieder vorbei, wenn ich Resultate habe. Schlaf gut, mein Junge.“ Sie umarmte Bruce, der ebenfalls aufgestanden war und küßte ihn freundschaftlich auf die Wange.

„Gute Nacht, Leslie, und danke, dass du vorbeigekommen bist. Alfred, bitte begleiten Sie Dr. Thompkins noch zu Tür.“

Als Alfred den Salon wieder betrat, saß Bruce Wayne schon vor seinem Computer in der Bathöhle und begann seine Nachforschungen...



Bald am nächsten Tag erschien eine übermüdete Dr. Thompkins, die die ganze Nacht im Labor verbracht hatte, wieder und forderte Bruce auf, sie zu Claire zu begleiten. Zunächst begrüßte sie die junge Frau liebevoll und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Dann kam sie ohne Umschweife zur Sache. „Claire, ich möchte Sie für ein oder zwei Tage in die Klinik holen. Die Laborergebnisse ergaben nur, dass mit Ihren weißen Blutkörperchen etwas nicht stimmt. Nun müssen wir die Ursache dafür finden. Und das kann ich nur im Krankenhaus.“

Erschreckt sah Claire zu den beiden Menschen, die ihr völlig fremd waren, auf. Zwar hatte sie einige verschwommene Erinnerungen, doch reichten diese bei weitem nicht aus, um ihre Ängste, die sich in der Vergangenheit aufgebaut hatten, zu zerstreuen. Verängstigt drückte sie sich tiefer in die Kissen und, als wolle sie sich zusätzlich tarnen, wurde ihr Gesicht noch bleicher und hatte beinahe schon das Weiß der Laken angenommen.

Leslie schlug sich an die Stirn:

„Wie dumm von mir, bitte, Liebes, verzeihen Sie einer alten Frau ihren Übereifer. Bestimmt sind Sie gerade erst aufgewacht, noch völlig orientierungslos und wir überfallen Sie einfach.“

„Sie waren heute nacht hier, nicht wahr?“ fragte Claire zaghaft. „Sie sind die Ärztin, die mich untersucht hat.“

„Stimmt, und dies ist Bruce Wayne. Sie befinden sich in seinem Haus“, antwortete Leslie.

„Hallo Claire. Ich fürchte, ich habe Sie heute nacht ziemlich erschreckt, als ich plötzlich im Esszimmer auftauchte“, schaltete sich nun auch Bruce in das Gespräch mit ein.

„Oh, der Kaffee, ich glaube, ich habe ihn verschüttet, als ich fiel. Bestimmt ist ein grausiger Fleck auf dem Teppich.“

„Machen Sie sich darüber keine Sorgen, Miss Claire. Der Fleck ist schon entfernt“, Alfred betrat mit einem Tablett das Zimmer. „Und nun werden Sie erst mal in aller Ruhe etwas zu sich nehmen. Miss Claire hatte nämlich noch keine Gelegenheit für ein Frühstück“, streng sah der Butler seinen Arbeitgeber und die Ärztin bei diesen Worten an.

„Alfred hat recht“, meinte Dr. Thompkins mit einem verstohlenen Lächeln. „Komm’ Bruce. Lassen wir Claire ihre Ruhe. Liebes, ich sehe Sie dann im Krankenhaus“, mit diesen Worten verabschiedete sich Leslie von ihrer Patientin.



„Es ist sehr ernst, Bruce. So wie ich das sehe, hat dein ‚Findelkind’ eine Art Leukämie. Das bedeutet, ihr Körper produziert nur degenerierte, fehlerhafte weiße Blutkörperchen. Genaues weiß ich aber erst nach einer Untersuchung des Knochenmarks. Dann wird man auch sehen, welche Form der Therapie für sie in Frage kommt. Bis dahin ist alles reine Spekulation.“

„Wie lange wird sie in der Klinik bleiben müssen? Du weißt, dass sie in den letzten Tagen unter enormen Streß stand und eigentlich zur Ruhe kommen muß.“

„Da gebe ich dir vollkommen recht, mein Junge, und deshalb werden wir folgendermaßen vorgehen: Sie erscheint morgen früh im Krankenhaus, nüchtern versteht sich, und ich entnehme unter Vollnarkose etwas Knochenmark. Sobald sie wieder zu sich gekommen ist, darf sie die Klinik auch schon wieder verlassen, allerdings muß sie unter medizinischer Überwachung bleiben. Deswegen wirst du auch für zwei oder drei Tage eine Krankenschwester einstellen müssen“, als Leslie sah, dass Bruce bei ihren letzten Worten das Gesicht verzog, lachte sie hell auf. „Komm’ schon. Ich weiß, dass du es haßt, wenn sich Fremde in deinem Haus rumtreiben, aber – einmal Philanthrop, immer Philanthrop. Ausserdem ist es so wirklich am besten für die Kleine.“

Bruce Wayne gab sich geschlagen, Leslie hatte vollkommen recht. Etwas anderes ließ ihm jedoch keine Ruhe: „Meinst du, der kleine Danny hat die selbe Krankheit wie seine Mutter gehabt?“

Die Ärztin zuckte die Achseln: „Möglich wäre es, nachdem was du mir erzählt hast. Aber ob es sich um eine Erbkrankheit oder einen bedauerlichen Zufall handelt, werden wir erst nach der Untersuchung genauer wissen.“

„Claire sagte, dass ihre Eltern schon früh gestorben seien – und dass niemand sehr alt würde, der in der Fosser Road wohne. Das sollte sich jemand mal genauer anschauen. Übrigens habe ich diesen Dr. Hendley überprüft. Er ist seit zehn Jahren praktizierender Arzt und genau so lange arbeitet er auch schon für die Stadt in ein und demselben Bezirk. Laut der Patientenunterlagen treten nur die üblichen Erkrankungen auf: Grippe, Vitaminmangel, diverse Frakturen und blaue Flecken, nichts besonderes eigentlich.“

„Ich will gar nicht wissen, wie Du an diese Unterlagen herangekommen bist“, seufzte Dr. Thompkins. „Hat Claire nicht davon gesprochen, dass er bei ihrem Sohn auch Vitaminmangel diagnostiziert hatte?“

„Richtig, und ich habe eine Liste aller Patienten mit den selben Symptomen. Mal sehen, was bei der Überprüfung zu Tage kommt“, Bruce konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Leslie bekam eindeutig Magenschmerzen bei dem Gedanken, dass es so einfach war, Einsicht in vertrauliche Unterlagen zu nehmen, obwohl sie wußte, dass er sein Wissen nicht mißbrauchen würde.

„Ich muß gehen, Bruce. Heute abend werde ich noch mal nach Claire sehen. Falls du nicht hier bist, sehen wir uns wohl morgen in der Klinik.“

Bruce nahm Leslies Hand und drückte sie. „Ich danke dir für deine Hilfe, Leslie.“

„Ach was, denk’ lieber dran, Alfred zu sagen, dass sie heute abend nur etwas Tee bekommen darf“, brummte die Frau, sichtlich verlegen, dann verschwand sie schnell durch die Tür, bevor Bruce noch irgendetwas Nettes sagen konnte.



Vorsichtig klopfte Bruce an die Tür des Gästezimmers. Er wollte sich endlich einmal in Ruhe mit Claire unterhalten. Er hatte sie hierher gebracht, damit sie etwas Abstand von den letzten Tagen gewinnen konnte, aber bis jetzt war alles nur drüber und drunter gegangen und vermutlich hätte sie sich schon längst heimlich davon gemacht, wenn diese mysteriöse Krankheit sie nicht ans Bett gefesselt hätte. Nachdem Leslie gegangen war, hatte er sich mit Oracle in Verbindung gesetzt und sie gebeten, ihm Informationen über die Fosser Road und ihre Bewohner zu besorgen. Er wußte, dass sie auf Grund der Fakten, die er an sie weitergegeben hatte, auch Querverbindungen herstellen würde. Unnötig, sie noch darum zu bitten. Oracle war mehr als gewissenhaft und wenn es etwas zu finden gab, so würde sie es entdecken. Er konnte sich also seinem Gast widmen.

Claire saß aufrecht in ihrem Bett und machte einen wesentlich gefaßteren Eindruck als bei seinem Besuch mit Leslie. Sie sah ihm ernst entgegen.

„Wie geht es Ihnen, Claire?“

„Schon viel besser, Mr. Wayne, ich danke Ihnen“, erwiderte sie seine Frage.

Er zog sich einen Stuhl an ihr Bett und ließ sich darauf nieder. Bevor er jedoch den Mund aufmachen konnte, sprach sie weiter:

„Mr. Wayne, ist es Ihnen überhaupt recht, dass ich hier bin? Batman hat mich einfach hier abgeliefert, ohne Sie um Ihr Einverständnis zu bitten.“

„Da machen Sie sich mal keine Sorgen, Claire. Wenn er es als richtig empfunden hat, Sie hierher zu bringen, dann hat auch alles seine Ordnung. Ich vertraue seinem Urteilsvermögen voll und ganz.“

„Er ist sehr... sehr beeindruckend, nicht wahr?“ murmelte sie versonnen.

„Ja, das ist er in der Tat“, lächelte Bruce. „Er läßt Sie übrigens recht herzlich grüßen. Claire, Batman hat mir erzählt, was Ihnen wiederfahren ist. Ich hoffe, nein, ich bitte Sie inständig, dies nicht als Vertrauensbruch anzusehen, sondern vielmehr auch mir Ihr Vertrauen zu schenken. Der Tod Ihres Sohnes und auch Ihre Bemerkung, dass die Leute in Ihrer Straße nicht sehr alt werden, erscheint uns sehr suspekt, ebenso das Verhalten von Dr. Hendley. Und ich würde gerne mehr von Ihnen erfahren“, Bruce Wayne war bei seinen letzten Worten sehr ernst geworden.

„Was möchten Sie wissen“, entgegnete das Mädchen schlicht.

„Nun, fangen wir mal mit Ihren Eltern an. Woran sind sie gestorben?“

„Die genaue Todesursache weiß ich nicht. Der Doktor hat sie mir nie gesagt. Aber sie wurden immer schwächer und dünner. Ich glaube, sie hatten auch immer Fieber. Zuerst ist meine Mom gestorben und zwei Jahre später mein Dad. Das ist jetzt sieben Jahre her, ich war damals zwölf oder so.“

„Was geschah mit Ihnen, kamen Sie in ein Heim?“ fragte Bruce nach.

„Nein, ich wuchs mehr oder weniger alleine auf. Unsere Nachbarn haben sich ein wenig um mich gekümmert.“

„Aber die Sozialfürsorge hätte sich doch Ihrer annehmen müssen“, Bruce war völlig überrascht.

„Doc Hendley meinte, das wäre schon in Ordnung so. Für mich sei es besser, wenn ich nicht in ein Waisenhaus käme.“ Wieder dieser merkwürdige Arzt. Fast schien es, als entscheide er über das Leben in der Fosser Road. Ob er sich auch anmaßte, über das Sterben zu entscheiden?

„Ihr Sohn hatte ebenfalls diese Symptome. Gab es noch mehr Leute mit dieser Erkrankung oder beschränkte sich das auf Ihre Familie?“

Claire schüttelte nachdrücklich den Kopf: „Oh nein. Fast alle Leute waren krank. Viele starben, in den letzten Jahren aber waren es weniger. Sie bekamen neue Wohnungen in anderen Stadtteilen zugewiesen.“

„Haben Sie noch Kontakt zu diesen Leuten?“

„Nein, ich habe sie nie wiedergesehen. Sie waren einfach weg. Und wir hatten genug mit uns selbst zu tun, als dass wir uns noch um sie gekümmert hätten.“

Bruce nickte, er verstand. Diese Menschen lebten ständig mit dem Existenzminimum, waren zudem noch krank. Da fragte man nicht mehr nach früheren Nachbarn. Da ging es um das eigene Überleben. Er erhob sich.

„Claire, ich habe für die nächsten Tage eine Krankenschwester engagiert. Sie sind noch sehr schwach und ich möchte auf keinen Fall, dass Sie sich in irgendeiner Form überanstrengen. Also bleiben Sie brav im Bett liegen, bis die Schwester da ist, um Ihnen behilflich zu sein.“

Sie grinste ihn schwach an: „Ich würde mich gerne etwas frisch machen...“

Er setzte eine strenge Miene auf und sagte mit erhobenem Zeigefinger: „Sie warten, bis die Schwester da ist. Keine Wiederrede!“ Etwas sanfter fügte er hinzu: „Machen Sie sich keine Sorgen, es wird alles gut!“



„Oh, Bruce, das wird nie wieder gut. Es besteht absolut keine Chance auf Heilung.“

Fassungslos sah Bruce Wayne seine Freundin an. Die Untersuchung von Claires Knochenmark war abgeschlossen. Seit einigen Tagen ruhte sie sich auf Wayne Manor von dem Eingriff aus, umsorgt von einer Krankenschwester. „Was sagst du da?“

„Es tut mir so leid. Ich habe solch einen Defekt noch nie gesehen. Das Knochenmark ist nicht mehr imstande, funktionstüchtige Leukozyten zu produzieren“, Leslie Thompkins, die bei ihrer Arbeit als Ärztin schon viel Elend gesehen hatte, war zutiefst erschüttert. „Es ist ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebt. Ach, ich könnte dir jetzt viel erzählen über Behandlungsmethoden und Heilungschancen, aber all dies kommt für Claire nicht in Frage. Sie wird sterben, Bruce. Und das bald“, Leslie hatte bei diesen Worten Tränen der Wut in ihren Augen, Wut über ihr eigenes Unvermögen, Wut über die Grenzen, die ihr als Medizinerin gesetzt waren.

Bruce war wie versteinert. Mit dieser Möglichkeit hatte er nicht gerechnet. Die Forschung war so weit fortgeschritten, jeden Tag wurden neue Wege entdeckt, eine Krankheit zu heilen. Doch wenn Leslie sagte, dass eine Heilung ausgeschlossen war, dann war es so.

„Wie lange noch, Leslie?“ fragte er rau.

Sie zuckte die Achseln: „Ich weiß es nicht. Eine Woche, zwei Wochen, vielleicht ein Monat. Ich kann in diesem Fall einfach keine Prognose abgeben. Ich werde versuchen, ihre Schmerzen zu lindern, ihr die letzten Tage so angenehm wie möglich zu machen. Und das solltest du auch. Es hat keinen Sinn, sich gegen den Tod aufzulehnen, gerade du solltest das wissen.“

Er wollte aufbrausen, sie anschreien, doch dann sackte er in sich zusammen. Sie hatte recht, er wußte das. Den Tod kann man nicht aufhalten.

„Hast du eine Ahnung, woher dieser Defekt kommt? Ist er genetisch?“ fragte er statt dessen. Er wollte der ganzen Sachen nun entgültig auf den Grund gehen.

„Dazu müßten wir Referenzdaten haben, aber da ihre Eltern schon länger tot sind und der Leichnam ihres Sohnes verschwunden ist, werden wir auf diese Frage nur schwerlich eine Antwort erhalten. Hast du schon irgendetwas herausgefunden?“

„Ja, so einiges. Sehr viele Bewohner der Fosser Road wurden während der vergangenen Jahre umgesiedelt. Es handelte sich durchweg um Leute, die kurze Zeit darauf verstarben. Sie wurden in den unterschiedlichsten Stadtteilen untergebracht, nach der Todesursache wurde nicht weiter geforscht.“

Leslie nickte: „Das macht sogar Sinn. Wenn in einem bestimmten Stadtteil übermäßig viele Leute an ein und derselben Sache erkranken, geht die ganze Sache an eine Untersuchungskommission. Dadurch kam man auch den Quecksilberverseuchungen in der Upper Haven Street auf die Spur. Immer mehr Bewohner klagten über Symptome, darauf hin ließ die Kommission die Wohnungen untersuchen. Man fand haufenweise Quecksilber unter den Holzdielen. Es stammte noch von den Spiegelmachern des letzten Jahrhunderts. Die Wohnungen mußten sehr kostspielig entseucht werden, das kostete die Stadt damals ein Vermögen. Verteilt man also die Schwerkranken über ganz Gotham, wird niemand nach der Todesursache der Verstorbenen fragen. Aber was könnte die Ursache für die Erkrankungen sein?“

„Möglicherweise eine vor einigen Jahren stillgelegte Fabrik mit dem Namen ‚BioChem’. Angeblich stellten sie umweltfreundlichen Dünger her, doch es wird gemunkelt, dass mit Substanzen zur biochemischen Kriegsführung experimentiert wurde. Ganz überraschend machte ‚BioChem’ vor sechs Jahren ihre Pforten in der Fosser Road dicht.“

Die Ärztin sah ihn ernst an: „Bruce, das könnte der Grund sein. Wenn man etwas von diesen Substanzen untersuchen könnte, ließe sich hier vielleicht der Grund für die vielen Erkrankungen finden. Aber dieser Arzt, Dr. Hendley, er muß doch etwas davon gemerkt haben. So einen miserablen Diagnostiker kann es einfach nicht geben!“

Bruce kniff die Augen zusammen: „Ich denke, ich werde diesem Doktor heute nacht einige Fragen stellen. Und er sollte besser zufriedenstellende Antworten für mich haben!“

„Wie macht sich Claire denn so bei dir? Hat sie noch mal Selbstmordgedanken geäußert?“ erkundigte sich Leslie.

„Nein, sie blüht richtiggehend auf. Deshalb waren deine Worte auch so niederschmetternd für mich. Tim ist zu Besuch und der Junge schafft es immer wieder, sie aufzumuntern, denn natürlich trauert sie noch sehr um ihr Kind. Außerdem hat sie angefangen, ihre selbsterfundenen Märchen, die sie dem kleinen Danny vor dem Schlafen erzählte, aufzuschreiben.“

„Paß’ nur auf, dass Claire sich nicht überanstrengt. Ich komme heute abend vorbei und bringe ihr neue Medikamente mit“, teilte die Medizinerin ihm mit. Die Frage, wie er mit der ganzen Sache zurecht käme, ersparte sie sich. Statt dessen erzählte sie betont beiläufig: „Übrigens wurde heute nacht ein Mann eingeliefert, anscheinend ein Zuhälter, der vor der Arbeitsvermittlung Frauen anspricht, um sie für sein ‚Hotel’ zu rekrutieren. Er hatte ganz schöne Blessuren abbekommen, nichts ernstes, nur war der Arme einem Nervenzusammenbruch nahe. Er sprach die ganze Zeit von einer riesigen Fledermaus, die ihn mit ihren Klauen gepackt und in schwindelerregende Höhen davongetragen habe. Anscheinend hat dieses Wesen ihm so sehr zugesetzt, dass er seinen ‚Beruf’ aufgeben und in ein Kloster gehen will. Es passieren schon merkwürdige Dinge in Gotham, oder, Bruce?“

Unschuldig sah sie zu dem großen Mann auf. Er mußte lachen, trotz des Ernstes der Lage mußte er herzhaft lachen.



Tiefschwarze Nacht, Schatten, in denen sich wahr gewordene Alpträume verbergen. Der Mond hatte sich zu einer schmalen Sichel zusammengezogen. Der Mann auf dem Bett wälzte sich im Schlaf unruhig hin und her. Er schlief schon lange nicht mehr gut. Die Gespenster seiner Taten belauerten ihn Nacht für Nacht, und immer war er ihnen hilflos ausgeliefert.

Doch heute nacht war es besonders schlimm. Etwas hatte sich in der Dunkelheit manifestiert, etwas grauenhaftes griff nach ihm. Mit einem erstickten Schrei fuhr er hoch. Sein Herz raste. Wieder einer dieser elenden Träume. Seine zitternde Hand fuhr zur Nachtischlampe, er warf sie fast um, doch dann – endlich, das tröstliche Licht, vor dem die Schatten zurückweichen mußten.

Er riß die Schublade seines Nachtisches auf, begann hektisch darin zu wühlen. Ein Geräusch entfuhr seiner Kehle, halb Lachen, halb Weinen. Er sollte sich vielleicht angewöhnen, wie ein Kind bei Licht zu schlafen. Wie ein Kind, ha. Oh mein Gott.

Endlich hatten seine tastenden Finger gefunden, was sie suchten. Pillen, sehr teure Pillen, sie kosteten Menschenleben. Hastig öffnete er die Flasche, schüttelte einige der Tabletten auf die zerwühlte Bettdecke, fischte sich zwei von den weißen Kugeln heraus und schluckte sie.

Schon bevor die Droge in seinen Blutkreislauf gelangt war, beruhigte sich der Mann zusehends. Nun auf einmal kam er sich in seiner Panik lächerlich vor. Gut, daß ihn niemand sehen konnte, wenn ihn diese Attacken überfielen. Das mußte schon merkwürdig für einen Beobachter aussehen. Er konnte ein Kichern nicht unterdrücken. Entspannt sah er sich in seinem Schlafzimmer um. Klar waren da überall Schatten. Doch alle waren ihm vertraut. Oder?

Der Mann stutzte plötzlich. Irgendetwas hatte sich verändert, seit er zu Bett gegangen und eingeschlafen war. Er spürte eine fremde Präsenz. Er war nicht allein. Die Panik stieg wie Übelkeit wieder in ihm hoch, er hatte das Gefühl, sich gleich erbrechen zu müssen. Er wollte fragen: „Hallo, ist da jemand?“, doch sein Mund formte nur lautlos die Worte, seine Stimmbänder versagten.

„Sie sind Dr. Hendley.“ Eine Feststellung, keine Frage. Er krächzte eine Antwort, versuchte es wenigstens, doch die schreckliche Angst schnürte ihm die Kehle zu und so blieb ihm nichts übrig, als zu nicken.

In einen der Schatten kam Bewegung, etwas glitt auf ihn zu, wuchs zu einer übermächtigen Gestalt, die vor seinem Bett auf ragte.

Er bemerkte etwas feuchtes, warmes zwischen seinen Beinen. Er hatte eingenäßt, wie ein kleines Kind ins Bett gemacht.

„Sie wissen, daß die Menschen in Ihrem Bezirk krank sind. Todkrank.“

Wiederum keine Frage, wiederum die Feststellung einer Tatsache. Er nickte.

„Sie wissen, dass ‚Biochem’ dafür verantwortlich ist.“

Eine Feststellung. Nicken.

„Sie haben die Beschwerden der Menschen willentlich ignoriert. Sie haben ihren Tod in Kauf genommen. Jahrelang.“

Nicken.

„Warum?“

„—„

„Reden Sie, Mann, warum?“ Die Stimme der Gestalt war nicht laut, doch der Hendley spürte die mühsam gezügelte Wut und die Ungeduld fast körperlich. Er räusperte sich immer wieder, versuchte seine Stimme wieder zu finden, aber es wollte ihm nicht gelingen. Er hielt die Tabletteflasche empor und krächzte:

„Drogen.“

„Sie sind drogenabhängig.“

Ein wiederholtes Räuspern, dann ein krächzendes „Ja“.

„Noch mal, warum mußte all dies geschehen?“

„... bin drogenabhängig... die haben es herausbekommen... erpreßt...“, nur stockend gelang es dem Arzt die Worte hervor zu pressen.

Das war es nun. Jemand war ihm auf die Schliche gekommen. Er war erwischt worden. Er mußte keine Angst mehr haben. Eine Welle der Erleichterung durchflutete ihn plötzlich und nun sprudelte es förmlich aus ihm hervor, brach sich ein jahrelang gehütetes Geheimnis mit aller Macht seinen Weg.

„Vor Jahren, noch während meines Studiums, habe ich angefangen, Drogen zu nehmen. Ich, ich war dem Druck einfach nicht mehr gewachsen. Ich mußte zwei, manchmal drei Schichten hintereinander Bereitschaftsdienst machen, also nahm ich Drogen zum Wachbleiben. Ein Arzt darf ja keine Fehler machen“, ein trockenes Lachen schloß diese Bemerkung ab.

„Dann brauchte ich wieder etwas, um einschlafen zu können. Und so schloß sich der Teufelskreis. Ich dachte, wenn ich endlich praktizieren darf, wird sich alles ändern. Dann brauche ich keine Drogen mehr. Ich bewarb mich bei der Stadt, wollte den Ärmsten der Armen helfen. Mein verfluchter Idealismus. Haben Sie schon mal vom Helfersyndrom gehört? Menschen, die mit ihren eigenen Sachen nicht klarkommen, sehen ihren Lebenszweck darin, anderen zu helfen. Ist eine praktische Sache. Aber ich hielt dieses Elend nicht aus, tagein, tagaus Elend. Also griff ich auch weiterhin zu den Drogen. Dann trat vor elf Jahren der erste Fall auf, bei dem ich eine Veränderung der weißen Blutkörperchen diagnostizierte. Ich brachte die Krankheit sofort mit ‚BioChem’ in Zusammenhang. Doch anstatt den offiziellen Weg zu beschreiten und Meldung zu erstatten, ging ich, Held, der ich damals war, direkt in die Höhle des Löwen, in das Zimmer des leitenden Direktors“, Hendley fuhr sich mit der Hand über das schweißnasse Gesicht.

„Doch anstatt von meiner Rede über Umweltbelastung, Verantwortung gegenüber dem Allgemeinwesen und dem Recht der Anwohner auf körperlich Unversehrtheit beeindruckt zu sein, fing der Mann an zu lachen. Er lachte mich aus. Er wußte nämlich von meiner Sucht. Keine Ahnung woher, aber er wußte es.“

Batman hatte die ganze Zeit über geschwiegen, doch nun vollendete er die Geschichte: „Er hat Sie erpreßt. Er hat Ihnen gedroht, Sie anzuzeigen. Sie wären Ihre Zulassung und Ihre Existenz los gewesen.“

Der Arzt nickte: „Ja, und ich habe mich von ihm einschüchtern lassen. Ich hatte Schulden gemacht, um studieren zu können, und noch mehr Schulden, um die Drogen zu bezahlen. Also war ich erpreßbar.“

„Und da Sie die Behörden nicht einschalteten, blieben der Firma Klagen über Schadenersatzansprüche in Millionenhöhe erspart.“

„Ja, ich habe denen wirklich viel Geld gespart.“

„Hat es sich gelohnt?“

Der Mann brach in Tränen aus, schluchzend, unfähig zu sprechen, schüttelte er den Kopf.

„Warum wurde die Firma dann doch geschlossen?“

„Es waren so viele Kranke, es wurde unüberschaubar. Wir haben die Leute zwar umgesiedelt...“

„... zum Sterben abgeschoben...“

„... doch es wurden immer mehr. Oh Gott, was habe ich nur getan“, weinte Hendley.

„Sie können einen Teil Ihrer Schuld wieder gut machen, indem Sie vor Gericht aussagen.“

Das Kinn des Mannes sank auf seine Brust herab. Immer noch flossen heiße Tränen der Reue und des Selbstmitleids über seine Wangen. Er hörte die Stimme sagen, streng und unerbittlich: „Ich werde wiederkommen.“

Gebrochen nickte der Mann, der einst den Menschen helfen wollte. Ja, er würde sühnen und – er würde aussagen.

Als er sich den Tränenschleier aus den Augen wischte, merkte er, dass er alleine war.



Leslie hatte auch an diesem Abend, wie üblich, nach Claire gesehen. Sie ließ sich von Bruce die Unterhaltung mit Hendley berichten, während er sie zur Tür brachte.

„Und“, fragte sie jetzt gespannt. „Wie wird es weitergehen? Wird Anklage gegen ‚BioChem’ erhoben werden?“

„Ja, wenn auch unter sehr erschwerten Umständen. Die ganze Firmenstruktur ist so verworren, dass es eine Weile dauern wird, bis die tatsächlich Verantwortlichen gefunden sind. Aber dann geht es vor Gericht. Und da Hendley als Kronzeuge aussagt, wird er mit Strafminderung rechnen können. Aber seine Zulassung ist er auf jeden Fall los. Und das ist auch gut so, denn so ein Arzt ist eine Strafe für die Menschheit. Mein Vater...“

„Dein Vater, Bruce“, fiel ihm Dr. Thompkins sofort ins Wort. „Dein Vater hat sein Studium unter völlig anderen Voraussetzungen absolviert. Die Zeiten haben sich geändert. Dein Vater konnte auf das Vermögen seiner Familie zurück greifen. Sicher ist es gut, dass heutzutage auch den finanziell Schwachen die Voraussetzung für ein Studium ermöglicht wird, doch mit der Frage, wie sie es dann bewältigen, werden sie allein gelassen. Und die Anforderungen an Medizinstudenten sind mit denen zu zeiten deines Vaters nicht zu vergleichen“, Bruce wollte einen Einwand erheben, aber sie ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.

„Nein, ich sage nicht, dass man Hendleys Verhalten damit rechtfertigen kann oder soll. Aber vielleicht nachvollziehen. Dass er nicht mehr praktizieren darf, ist angemessen. Doch dabei sollte man es auch belassen.“

„Leslie, ich bin einfach zu müde, um mit dir über Ethik und Moral des Medizinerstandes zu diskutieren. Übrigens wurden auch bei Hendley erste Symptome der Krankheit festgestellt. Ob er geheilt werden kann, steht in den Sternen. ‚BioChem’ will die Unterlagen der Versuche nicht herausrücken. Angeblich weiß niemand, wo sie sind. Vielleicht kann Batman sie ja finden.“

Die Ärztin klopfte ihm liebevoll auf den Rücken: „Davon bin ich fest überzeugt, Bruce.“

Dann lenkte Alfred durch sein Erscheinen die Aufmerksamkeit der beiden auf sich. Er räusperte sich und sagte dann in seiner gewohnt würdevollen Art: „Master Bruce, Miss Claire bittet Sie, falls es Ihre Zeit erlaubt, ihr einen kurzen Besuch abzustatten.“

„Ja danke, Alfred. Sagen Sie ihr, ich komme gleich.“

„Sehr wohl, Sir. Madam.“ Mit einer leichten Verbeugung verabschiedete sich der treue Butler.

Die Ärztin sah Bruce ernst in die Augen: „Bruce, ich will dir nichts vormachen. Die Medikamente, die ich Claire verabreiche, können ihr Leiden lindern, aber sie können sie nicht heilen. Ihr Zustand verschlechtert sich rapide.“

Ein Schatten schien seine Augen zu umwölken, als er seufzte: „Ich weiß, Leslie, ich weiß. Ich rufe dich an. Leb’ wohl.“



Als Bruce Wayne das Zimmer seines kranken Gastes betrat, lächelte sie ihm entgegen. Er setzte sich zu ihr ans Bett und als sie seine Hand ergriff, ließ er es zu, obwohl es ihm im allgemeinen schwerfiel, sich von anderen Menschen berühren zu lassen.

„Na, Claire. Wie geht es Ihnen denn“, fragte er liebevoll.

„Müde, Mr. Wayne, unendlich müde“, erwiderte sie. „Aber das ist jetzt nicht so wichtig. Mr. Wayne, ich möchte Ihnen noch einmal für alles danken. Was Sie für mich getan haben, kann kein Mensch ermessen...“

„Psst, Claire“, unterbrach er sie. „Danken Sie mir bitte nicht. Es ist schön, Sie hier zu haben und wir alle haben Sie in unser Herz geschlossen. Sie sollen jetzt einfach nur auf sich achten und wieder gesund werden“, in dem Moment, als er es sagte, wußte er, dass es ein Phrase war, denn sie lachte leise. Doch dann wurde sie wieder ernst: „Mr. Wayne, eine Bitte hätte ich an Sie. Finden Sie meinen Danny und sorgen Sie dafür, dass er ein schönes Grab bekommt. Könnten Sie das für mich tun?“ fast zaghaft stellte sie ihre Frage.

„Ja, Claire, ich verspreche es Ihnen“, und um seine Zusage zu unterstreichen, drückte er sanft ihre Hand. Erschreckt nahm er wahr, dass sie vor seinen Augen immer mehr verfiel. So müde blickten ihre Augen, so spitz stach ihre Nase aus dem kleinen, zarten Gesicht hervor. Doch als er aufstehen wollte, um nach Leslie zu schicken, hielt sie seine Hand fest und er mußte sich wieder setzen.

„Noch was, Mr. Wayne. Ich habe alle Geschichten aufgeschrieben, die ich Danny immer erzählt habe. Er hat sie so geliebt“, sie reichte ihm den Laptop. „Hier bitte. Ich möchte, dass Sie sie lesen. Die letzte Geschichte allerdings ist neu. Sie handelt von einem grossen schwarzen Engel, der einem armen Mädchen das Leben rettet. Danny hätte sie bestimmt gefallen.“

Sie sank zurück in die Kissen, erschöpft, als hätte sie einen enormen Kraftakt geleistet.

„Und nun werde ich schlafen, Mr. Wayne, denn ich bin so müde, wie ich noch nie war. Sagen Sie Batman, dass ich ihm für die Woche danke“, immer leiser wurde ihre Stimme und dann schloss sie ihre Augen. Ihr Kopf sank zur Seite. Bruce bemerkte, wie ihr Atem immer flacher wurde, ihre Brust sich immer seltener hob und senkte.

Er klappte den Laptop auf und begann zu lesen.

© 2002 Luise Rödig

 
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