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Akt II: The Shadow and
the Bat
"Sie... sind... Bruces Bruder????????"
Der Mann saß im Salon von Wayne Manor. Eine abgekämpfte, müde, gebrochene
Gestalt, die gebeugt am Tisch saß und auf das Glas blickte, das Alfred vor ihn
gestellt hatte. Jetzt sah er auf. Seltsam - er konnte kaum älter als
viel-leicht vierzig Jahre sein - aber er sah eindeutig älter aus. Viel älter.
Nicht wie ein Mensch, der im Leben sonderlich viel Glück gehabt hatte. Sein
Bruder saß ihm gegenüber. Aufrecht, ruhig, abwartend. Und dennoch - man merkte
den beiden an, daß sie verwandt waren. Man sah es in ihren Gesichtern, in ihren
Augen.
"Es stimmt. Ich bin Thomas Wayne Junior, der Bruder von Bruce Wayne, dem
Batman."
Tim hielt es nicht auf seinem Stuhl. "Aber wieso... ich meine... wieso...
kommen Sie erst jetzt? Nicht schon vor Jahren, als..."
"Als unsere Eltern starben?" Thomas lachte bitter. "Weil ich mich
schuldig fühle. Immer noch fühle. Ich wäre auch jetzt nicht gekommen,
wenn..."
"Wer ist Nemesis?", fragte Bruce aus dem Halbdunkel, den Kopf auf die
gefalteten Hände gestützt.
"Dafür muß ich... etwas weiter ausholen... es begann vor... etwa 22
Jahren...
Nacht. Dunkle, tiefste Nacht. Sein Zuhause. Das Zuhause der Dunkelheit - und des
Schattens. Shadow. So nannten sie ihn. Sie waren nicht sicher, ob er überhaupt
existierte, ob er nicht nur ein ´Candyman` war, den sich ein kleiner Ganove
ausgedacht hatte, um sein Versagen zu kaschieren. Er wollte nicht gesehen werden
- er schlug zu und ver-schwand. Damit schadete er den großen Tieren im
Verbrechen kein bißchen - aber er half. Dem Einzelnen, der überfal-len wurde.
Der Frau, die nach Hause kam, ohne überfallen zu werden. Er war wohl kein JSA -
Material - aber er tat sein Bestes, was in seiner Macht stand... Was sein Vater
wohl dazu sagen würde, wüßte er... nun, das war kaum sein Problem, seine
Eltern mußten es ja nicht erfahren...
Wenn Bruce still hielt. Vor ein paar Nächten hatte ihn dieser kleine... Bruder
doch tatsächlich erwischt, als er nach Hause kam. Er hatte ihm eingeschärft,
diese... Begegnung zu vergessen. Was er nicht glaubte. Aber solange der Klei-ne
nicht redete... wie sollte er ihm auch erklären, was ihn durch die Stadt trieb?
Es war nicht die Ungerechtigkeit der Welt, nicht der Versuch, die Stadt etwas
sicherer zu machen - er brauchte ein Leben außer seinen Eltern, außerhalb
dieser festgefügten Welt, die sie für ihn errichtet hatten. Es war selten
einfach mit seinen Eltern - er ein reicher Arzt, sie die Grande Dame von Gotham.
Und er dazwischen - der hervorragende Schüler, von dem alle das Höchste
erwarte-ten, der keinen Fehler, keine Dummheit machen durfte...
Deshalb liebte er die Nacht, liebte es, etwas zu tun, nicht als er selbst, nur
als Schatten - aber wie soll man das einem Fünfjährigen klar machen, auch wenn
er noch so intelligent ist?
Es war Zeit, nach Hause zu... was war das? Da ging eine Gestalt, wahrscheinlich
eine Frau, soweit Thomas das sehen konnte. Und neben ihr fuhr ein Wagen.
Langsam. Zu langsam, für Thomas` Geschmack. Er pirschte sich an die Szene
heran. Da öffnete sich die Wagentür und ein Arm griff heraus, packte die Frau
und versuchte, sie in das Innere des Wagens zu ziehen. Jetzt griff Shadow ein -
er sprintete nach vorne, packte die Tür und riß sie zu. Ohne dem Arm die Möglichkeit
zu geben, sich in den Wagen zurückzuziehen. Ein Schmerzensschrei. Tom packte
die jung Frau und wollte sie in Sicherheit ziehen. Da sah er, wie ein zweiter
Mann eine Pistole zog. Sie auf ihn richtete. Abdrückte. Traf. Schmerz
explodierte in Thomas` rechtem Arm. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er taumelte.
Jetzt war es an der Frau, ihn zu stützen. "Wir müssen weg! Schnell!"
So schnell er noch konnte, hastete er hinter der Frau her. Sie verschwan-den in
einer Seitengasse, schlugen ein paar Haken - und hatten die anderen abgehängt.
Jetzt erst wurde Tom klar, was geschehen war - man hatte ihn angeschossen! Wie
sollte er das seinen Eltern klar machen? Die Frau besah seinen Arm mit prüfendem
Blick. "Das wird wieder - glatter Durchschuß. Hätte schlimmer sein können...
Und Sie sind... Shadow?"
Der spöttische Unterton in ihrer Stimme schmerzte Tom mehr, als er je zugegeben
hätte - die Frau vor ihm war wirklich hübsch, schwarze Haare, ein Gesicht, in
das man eine italienische Ahnenreihe herein lesen konnte. Sie hätte wenigstens
ein bißchen dankbar sein können... Sein Schweigen mußte Bände gesprochen
haben, denn sie lachte kurz und meinte: "Komm, ich bring dich zu einem Arzt
- keine Angst, ist verschwiegen!"
Und das tat sie - ein Quacksalber, aber er half. Vor allem sorgte er dafür, daß
die Wunde nicht mehr unbedingt eine Schusswunde sein mußte... Thomas überlegte
schon, wie er seinen Eltern das mit der Wunde klar machen konnte... Am besten...
war er... gestürzt... und hatte sich... von einem Freund verbinden lassen...
den er nicht nennen konnte... weil er sonst Ärger bekam - genau, er war ausgebüxt,
um zu feiern - seine Eltern wären sicher sauer, aber nicht zu geschockt... So
konnte es funktionieren - der Kurpfuscher, der garantiert keine Approbation
hatte, hatte so böse in der Wunde herum gestochert, daß er sie seinem Vater
ruhig zeigen konnte...
Und die Frau? Die war verschwunden - aber nicht für lange...
Einige Zeit später...
Er hatte es irgendwie geschafft, seine Eltern zu täuschen. Sie hatten nicht
mitbekommen, was für eine Verletzung er sich da eingefangen hatte. Nur Bruce
mochte etwas ahnen - er hatte ihn einige Male so seltsam angesehen... Aber das
war eher unwahrscheinlich - mein Gott, auch wenn der Kleine wirklich intelligent
war - so schlau war er nicht. Oder..?
Und jetzt hatte er erst mal Hausarrest - als Mann im letzten Schuljahr! Er fand
das albern, aber sein Vater hatte ge-meint: "Wer sich wie ein Kind benimmt,
sollte auch wie eines behandelt werden!" Natürlich wollte sein Vater nur
sein Bestes - und hatte die Strafe auch gleich abgemildert, indem er eine Party
gab. Na ja, mehr ein gesellschaftliches Ereignis. Die Thomas haßte wie die
Pest. Was seine Eltern wußten. Aber er mußte sich daran gewöhnen, wenn er
"das Wayne Vermögen erben sollte" (O - Ton Thomas Wayne Sen.). Jetzt
hatten sie ihn in einen Smoking gesteckt und er wankte die Treppen von Wayne
Manor nach unten. Er warf einen Blick auf die Halle, wo das Fest im vollen Gange
war. Er sah - einen Engel! Na ja, so kam es ihm zumindest vor. Unten stand, in
einem weißen Kleid - die Frau, der er das Leben gerettet hatte! Er starrte sie
an, als ob sie ein Alien wäre, folgte ihr mit seinem Blick, während sie einige
Worte mit einem Mann wechselte, den Thomas vom Sehen kannte - ein Geschäftspartner
seines Vaters. Er spürte, wie ihm jemand eine Hand auf die Schulter legte.
"Was ist los, mein Sohn?"
"Dad? Wer ist diese... dieses Mädchen? Sie.. Ich kenne sie von...
irgendwoher..."
"Das glaube ich kaum! Und du wirst sie nicht kennenlernen,
verstanden?"
"Was... Aber..."
"Hast du verstanden, was ich dir sage, Sohn?"
"Ja, Sir!"
Den Erfolg dieser Konversation kann man sich vorstellen...
"Und, was verschlägt dich auf diese ´Party`?"
"Mein Vater... sag mal, kennen wir uns?"
Und Thomas erstarrte. Das war eine Frage, die er lieber nicht beantworten würde.
"Äh, glaube kaum... Wer ist dein Vater, Andrea?"
"Manfredo Vericelli - wir sind neu in der Stadt! Gerade erst her gezogen...
er arbeitet in der... Modebranche..."
"Du klingst nicht gerade begeistert."
"Es ist nicht gerade ein Spaß, die Tochter eines erzkatholischen
Italieners zu sein, der jeden Jungen, den seine Tochter ansieht, zum Krüppel prügeln
will, sobald er nur einen... Schatten sieht."
Wieder lief es Thomas eiskalt den Rücken runter. Hatte sie... ihn erkannt? Aber
das war...
"Du bist ja so still - was ist mit dir? Der Sohn des Hauses... Was machst
du so?"
"Na ja, die meiste Zeit studiere ich - um in Vaters Fußstapfen zu treten.
Die älteste Familie der Stadt... Verantwortung. Prestige. Der ganze
Unsinn..."
"Autsch. Das klingt nicht begeistert. Nicht wie der stolze Sohn eines großen
Vaters..."
"Nicht unbedingt... Sag mal, was hältst du davon, wenn wir uns verdrücken
und uns woanders einen netten Abend machen?"
"Kriegst du dann keinen Ärger mit deinen alten Herrschaften?"
"Und?", grinste Tom, nahm den Arm der jungen Frau und zog sie Richtung
Ausgang.
"Was ist hier los, Thomas?"
"Äh, nichts Dad, wir..."
"Ich denke, du mußt jetzt zu Bett gehen - morgen ist ein harter Tag!"
"Aber..."
"Du hast gehört, was ich gesagt habe, oder?"
"Kann ich mich wenigstens noch verabschieden?"
"Bitte!", meinte sein Vater, ohne sich von der Stelle zu rühren.
Andrea hauchte ihm einen Kuß auf die Wange und flüsterte: "In einer
Stunde, an der Stelle, an der wir uns zum ersten Mal getroffen haben...
Shadow."
Tom konnte nur nicken
"Na ja, und so kam es, wie es kommen mußte - wir verliebten uns
unsterblich. Na ja, dachten wir zumindest... Unse-re Eltern haßten sich - wir fühlten
uns wie Romeo und Julia. Irgendwann konnte ich dann nicht mehr schweigen - ich
mußte meinen Eltern alles gestehen - nach einem halben Jahr kam es zur
Aussprache. Aus einem ganz einfachen Grund - Andrea und ich hatten uns verlobt.
Wenn auch nicht ganz freiwillig..."
"Ihr... ihr wollt was???????? Aber... ihr... ihr... Wie konntet ihr? Ich
habe dir doch ganz klar gesagt..."
Martha legte ihrem Mann einen Arm um die Schulter. "Ganz ruhig, Liebling.
Laß ihn doch erst..."
"Was? Uns weiter belügen? Darin hat er ja genug Übung! Du hast dich mit
einem Mädchen getroffen, das ich nicht gutheiße! Du hast mit ihr sogar... Und
jetzt tauchst du hier auf, nachdem du uns ein halbes Jahr hintergangen hast, und
fragst uns, ob du sie heiraten sollst! Was kommt als nächstes?"
"Vater, hör mir doch..."
"Unterbrich mich nicht! Es reicht! Du wirst morgen das Haus verlassen und
an einer anderen Universität studieren. Und zwar nur studieren. Hast du mich
verstanden?"
"Aber... hör doch wenigstens..."
"Hast du mich verstanden, habe ich dich gefragt!"
"Jetzt reicht es mir! Jetzt bist du dran mit dem Zuhören!"
"Aber..."
"Nein, Dad! Dieses Spiel spielen wir jetzt seit Jahren - du redest, ich
nicke. Es reicht! Ad 1: ich liebe Andrea. Egal was du sagst! Ad 2..."
"Du liebst sie? Junge, du weißt doch gar nicht, was das..."
"Ad 2: ich hätte euch nicht belogen, wenn ich die Wahl gehabt hätte -
jedesmal, wenn ich versucht habe, mit dir über Andrea zu reden, gingen bei dir
die Scheuklappen runter! Ad 3: ich habe euch nicht gefragt, ob wir heiraten
sollen, ich habe euch davon in Kenntnis gesetzt - das ist ein gewaltiger
Unterschied! Ich bin erwachsen!"
"Weißt du überhaupt, wer dieses Mädchen ist?"
"Die Frau, in die ich mich verliebt habe. Alles andere ist mir egal!"
"Ihr Vater gehört zur Mafia! Sie ist eine Verbrecherin!"
"Du redest Unsinn. Und selbst wenn - es wäre mir auch egal! Ich liebe
sie!"
"Das reicht langsam! Thomas Abraham Wayne Junior, du gehst sofort auf dein
Zimmer!"
"Du irrst dich, Dad - die Zeiten sind vorbei."
"Sprich nicht in diesem Ton mit mir!"
"Gut, dann spreche ich eben gar nicht mehr mit dir. Ich gehe. Ich verlasse
das Haus. Sagt meinem kleinen Bruder eine Gruß von mir - hoffentlich bleibt ihm
so etwas erspart!"
"Wo willst du hin? Ich bin noch nicht fertig!"
Ohne sich umzudrehen, verließ Tom das Haus.
"Na ja, ich bezweifle, daß sie überhaupt noch an mich dachten, nach
dieser Szene..."
"Das taten sie. Sie haben sehr daran gelitten, daß du weg bist..."
"Wieso..."
"Ich erinnere mich langsam - ich habe viel verdrängt von dem, was damals
passiert ist..."
Bruce lag wach in seinem Bett. Er konnte nicht schlafen - wo war Thomas? Er war
einfach... weg! Vielleicht war er wütend auf ihn - aber er hatte doch gar
nichts gesagt... Sonst kam er abends öfter mal zu ihm, las ihm etwas vor,
sprach mit ihm... Heute nichts. Bruce stand auf und schlich die großen Treppen
herunter. Da hörte er Stimmen. Mom und Dad. Langsam schlich er näher. Um zu hören,
was sie zu sagen hatten...
"... keinen Sinn, Thomas! Wir müssen mit dem Jungen reden!"
"Ich weiß, ich weiß - ich will doch nur sein Bestes! Er darf sich mit
diesem Mädchen nicht mehr treffen! Morgen wird er zurück kommen und Vernunft
annehmen..."
"Aber Thomas - er war so wütend... Ich mache mir Sorgen - wenn er nun
etwas Unüberlegtes tut..."
"Ich weiß, woran du denkst... Hör zu, ich liebe ihn doch auch - wenn er
älter ist, wird er einsehen, daß ich recht hat-te..."
"Du hast wahrscheinlich recht - ich bin trotzdem nervös..."
"Typisch unsere Eltern!" Ein müdes Lächeln. "Vater war also
davon überzeugt, das Richtige getan zu haben - ganz unrecht hatte er damit
vielleicht nicht..."
Tom nah Andrea tröstend in den Arm. "Hey, wir werden es schon schaffen...
zusammen! Ich liebe dich." "Bist du si-cher, daß wir es schaffen? Ich
nicht. Es gibt da etwas, daß ich dir... erzählen muß. Über meine...
Familie... Vater ist nicht... im Modegeschäft. Zumindest... nicht nur... Er
ist... Don bei der Mafia!"
Geschockt sah Tom seine Verlobte (wie seltsam das in seinen eigenen Ohren
klang...) an. "Er ist - was?"
"Ich... ich wollte es dir bis jetzt nicht sagen... Mein Vater ist Don
Vericelli..."
"Dieser verfluchte... Er hatte recht! Jetzt fühlt er sich sicher großartig!"
"Was... wer... verstehst du, was ich dir sage? Mein Vater... ich..."
"Pst! Hey, ich habe dir doch gesagt, was du mir bedeutest... Ich bin auf
deiner Seite - egal, was passiert!"
Andrea brach in Tränen aus. Schluchzend klammerte sie sich an Tom, suchte Halt
an ihm, küßte ihn. Tom dagegen war schon einen Schritt weiter - es war klar,
jetzt mußten sie so schnell wie irgend möglich vor den Traualtar treten. Nur
so konnte er seinen Eltern zeigen, daß es ihm ernst war.
"Aber.. Wenn Vater hört, daß ich schwanger bin, wird er dich umbringen!
Um meine ´Ehre` zu retten. Was sollen wir nur tun?"
"Ich weiß es nicht - aber jetzt sollten wir erst einmal tun, wozu wir hier
sind. Andrea Maria Gloria Vericelli - willst du mich heiraten?"
Mit tränenden Augen sah sie ihn an. "Natürlich will ich, Dummkopf. Ich
liebe dich!"
"Und so wurden wir getraut - es sollte der Anfang eines gemeinsamen Lebens
sein, frei vom Schatten unserer El-tern." Thomas lachte bitter. "Es
kam nur leider ganz anders, als wir es uns jemals erträumt hatten, schon am
Abend der Hochzeit..."
"Hey, willst du die Braut nicht über die Schwelle tragen?"
"Klar!"
Tom trug seine Ehefrau über die Schwelle des billigen Hotelzimmers, in das sie
sich nach ihrer Flucht aus Gotham einquartiert hatten. Doch als Thomas die Tür
öffnete, sah er, daß sie nicht allein waren. Bei weitem nicht. In dem Raum
befanden sich zwei Männer - groß, breit, schwarze Anzüge. Das, was man
gemeinhin als Gorilla bezeichnet. Und da war noch ein dritter Mann. Guter Anzug.
Selbstsicheres Auftreten. Und er sah nicht gerade freundlich aus. Don Manfredo
Vericelli. Andrea Vericelli-Waynes Vater. Und, so ganz nebenbei, Mafiaboß und
einer der gefährlichsten Män-ner der Vereinigten Staaten. Und eingeschworener
Todfeind von Thomas Wayne Sen, der einen beträchtlichen Teil seines Geldes auf
die Bekämpfung der Mafia verwandte. Er warf einen Blick auf Tom und Andrea.
Einen Blick, der nichts Gutes verhieß. Einen im wahrsten Sinne des Wortes bösen
Blick.
"Was... wieso... wie...", stammelte Tom, als ihm klar wurde, daß sie
entdeckt worden waren.
"Du wolltest mir meine Tochter stehlen? Hast sie entehrt und gezwungen,
dich zu heiraten? Ich wollte den Mann se-hen, der das gewagt hat. Und was sehe
ich? Ein kleines Kind, das ´erwachsen` spielen muß... Ich hoffe, dein
Testa-ment ist gemacht!"
Tom ließ seine Frau herunter. Die funkelte ihren Vater wütend an.
"Was fällt dir ein, hier herein zu platzen wie ein Panzer? Ich liebe Tom!
Im übrigen bist du zu spät - wir sind bereits verheiratet. Rechtsgültig. ´Vor
Gott und den Menschen`, wie es so schön heißt! Was willst du noch tun?"
Mit einem bedauernden Blick sah der Don erst seine Tochter, dann seinen
Schwiegersohn und zuletzt einen seiner "Leibwächter" an. Der zog eine
Pistole aus dem Halfter und richtete sie auf Tom.
"Wenn du das tust, werde ich diese Nacht auch nicht überleben - genauso
wenig wie dein Enkel. Es liegt bei dir! Ent-scheide dich!"
Ein schneller Blick gebot dem anderen Einhalt.
"Was schlägst du vor? Soll ich dich mit ´Wayne` leben lassen, ´bis daß
der Tod euch scheidet`? So naiv kann meine Tochter nicht sein! Ich muß und
werde ihn bestrafen!"
"Nein! Wenn du ihm etwas tust, tust du auch mir etwas an, willst du das? Laß
uns in Frieden! Ein für alle Mal!"
"Du weißt, das kann ich nicht! Aber ich mache dir einen Vorschlag - du und
dein... Mann kommt mit mir - ich werde ihn aufnehmen und gut behandeln, das
verspreche ich dir..."
"Du weißt, daß ich das nicht allein entscheiden kann. Laßt uns allein.
Sofort!"
Und tatsächlich - die drei zogen ab. Tom begann bereits fieberhaft, Sachen in
einen Koffer zu werfen.
"Hilf mir, wir müssen machen, daß wir wegkommen!"
"Das hat keinen Wert - er würde uns überall finden... Was können wir nur
tun?"
Sie sackte in sich zusammen. Tom sprang zu ihr und legte einen Arm um sie.
"Und wenn wir... sein Angebot annehmen? Wenigstens für eine gewisse Zeit,
bis wir uns irgendwie von ihm befreien können?"
"Das würdest du für mich tun?"
"Ich tat. Nur dafür mußte Thomas Abraham Wayne Junior verschwinden. Mit
Hilfe der Mafia wurde ein Unfall insze-niert, den ich nicht überlebte... Ich
habe unsere Eltern nie wieder gesehen seit diesem Streit. Und ich war seitdem
nur einmal in Gotham - am Tag der Beerdigung... Ich wollte zu dir, dich holen, für
dich da sein - aber ich konnte nicht. Meine Frau war schwanger, der Don
beobachtete jede meiner Bewegungen mit Argusaugen... Andrea und ich
ent-schlossen uns, nach der Geburt des Kindes wegzugehen - jetzt besaßen wir
ein Ziel. Wayne Manor. Dich. Ich wollte dich bei mir haben, Bruce - auch wenn du
mir das wahrscheinlich nicht glauben kannst, nach all den Jahren... Und dann kam
die Nacht, die die Krönung unseres gemeinsamen Lebens hätte werden
sollen..."
Schmerzensschreie hallten durch das Herrenhaus - der Don hatte natürlich darauf
bestanden, daß sein Enkelkind zu-hause geboren wurde, nicht in einem
Krankenhaus. Und jetzt lag Andrea in ihrem Bett und brüllte vor Schmerzen - und
Angst um ihren Mann. Der stand vor der Tür und versuchte verzweifelt, irgendwie
das Zimmer zu betreten.
"Laßt mich rein, verdammt noch mal, wir reden immerhin von meiner Frau und
meinem Kind! Ich will sie sehen!"
"Der Boss hat gesagt, keiner kommt zu ihr!"
"Joseph und Robert, seid ihr so dumm oder tut ihr nur so? Jetzt laßt mich
zu ihr, oder ich reiß euch den A&%$§ auf!"
"Aber..."
Thomas wurde es zu bunt. Er rammte dem einen seinen Ellbogen in die Magengrube
und der andere spürte sein Knie punktgenau zwischen den Beinen. Der Weg war
frei! Thomas riß die Tür auf und sah - seine Frau, blutüberströmt. Den Arzt.
Den Don. Und - das Baby. Ein Sohn. Sein Sohn. Er sprang sofort zu seiner Frau.
"Andy... wie... geht`s dir gut? Alles in Ordnung?"
Sie lächelte ihn an - müde, kraftlos. "Wir haben ein wunderschönes Kind,
Geliebter..."
"Das... das haben wir, Liebling!"
"Bitte - sorg dafür, daß es... sich an seine Mutter erinnert..."
"Aber... was..."
Er hatte verstanden. Die Tränen schossen ihm in die Augen, seine Frau - lag im
Sterben. Und da stand auch der Prie-ster, den er beim Hereinstürmen übersehen
(nein: ignoriert!) hatte. Typisch! Der Don hatte erst den Priester und dann ihn,
den Ehemann zu der Sterbenden gelassen. Und ihn um wertvolle Minuten betrogen.
"Vater... ich... ich... möchte, daß der Junge den Namen seines Vaters trägt
- Thomas Wayne III. Bitte!"
Der Mann sah seine Tochter nur an - und nickte langsam, widerwillig. Dann sah er
Tom an. Mit einem Blick, in dem ein Haß von schier unglaublicher Intensität
lag.
"Paß gut auf... unseren Sohn auf, Tom. Ich liebe dich!"
"Und so starb sie. Meine Frau. Von jetzt an war ich allein. Allein unter
Feinden. Alles was mir blieb, war mein Sohn - wenn ich ihn zu sehen bekam. Ich
sah ihn kaum - hier eine Stunde, dort, vielleicht, einen Nachmittag. Und ich
wurde ständig überwacht. Nach etwa zweieinhalb Jahren wurde mir sogar
verboten, das Haus zu verlassen. Ich wurde zur Persona non grata. Der Don haßte
mich. Ich war für ihn schuld am Tod seiner Tochter - daß ich meine Frau
verloren hatte, zählte nicht. Und - ihr letzter Gedanke hatte nicht ihm
gegolten - sondern mir. Meinen Sohn konnte er nicht hassen - also war ich der
Schuldige und spürte das jede Sekunde jeden Tages. Ich war allein - hätte ich
die Chance gehabt, hätte ich Thomas genommen und wäre geflohen. Ich habe es
auch einige Male versucht - und bin jedes Mal gescheitert. Doch das bitterste
Scheitern war das bei meinem letzten Versuch. Thomas war etwa siebzehn..."
Tom stand am Fenster und beobachtete seinen Sohn. Oh Gott, der Junge mußte hier
raus. Er wurde immer mehr wie sein Großvater - eiskalt, herzlos, nur auf den
eigenen Vorteil bedacht. Jetzt verhandelte er gerade mit einer anderen Familie -
eine Art "Bewährungsprobe", die sein Großvater ausgeknobelt hatte.
Na ja, bei dieser einen Probe würde es wohl bleiben... Wenn alles so klappte,
wie er es geplant hatte... Zur Abwechslung... Er hatte wieder einmal eine Flucht
geplant - heute abend würde er sich seinen Sohn schnappen und verschwinden. Zum
ersten Mal hatte er es geschafft, einen Fluchtplan auszutüfteln, der sie mit
etwas Glück bis nach Gotham brachte.
Es wurde Abend. Langsam schlich sich Tom zum Zimmer seines Sohnes. Leise öffnete
er die Tür. Da war Thomas - am Schreibtisch. Er war ein ruhiges Kind gewesen,
ein wissbegieriger Schüler, der Wissen in sich aufsog - er hatte Tom immer an
seinen Bruder erinnert. Auch jetzt lernte er. Bereitete sich vor. Auf seinen
Eifer konnte ein Vater wirklich stolz sein...
"Vater... was willst du hier? Um die Zeit sollst du dein Zimmer doch nicht
mehr verlassen..."
"Thomas, sei um Himmels Willen leise! Wir müssen hier weg! Ich habe alles
organisiert - wir können in Sicherheit sein, bevor sie überhaupt merken, daß
wir weg sind!"
Thomas lehnte sich kurz vor und wandte sich dann wieder seinem Vater zu.
"Wieder einer deiner ´Fluchtpläne`?", meinte er mit einem verächtlichen
Grinsen. "Und wohin soll uns das führen? Zu ´Onkel Bruce`? Dem
Batman?"
Tom erstarrte. Was redete... woher... ihm selbst war es erst Wochen nach den
ersten Berichten klar geworden...
"Deduktive Logik. Der Batman muß intelligent, reich und traumatisiert sein
- da bleibt wohl in Gotham nur Bruce Wayne übrig... Außerdem kamen mir einige
seiner Bewegungen durchaus bekannt vor - dir auch, Shadow?"
Was wollte Thomas damit... In dem Moment ging die Tür hinter Thomas wieder auf
und die Leibwächter des Don stürmten herein.
"Sie haben den Alarm ausgelöst, Mister Wayne?" Bei diesem Namen
huschte ein düsterer Schatten über das Gesicht des Jungen.
"Der alte Mann wollte mich entführen!" Thomas brach zusammen. Sein
eigener Sohn hatte ihn verraten...
"Damit waren die Fronten wohl endgültig klar - der Don hatte meinen Sohn
auf seiner Seite... Ich blieb noch fünf Jahre, bis ich es nicht mehr ertrug...
Ich mußte sehen, wie sich mein Sohn zu einer jüngeren Version seines Großva-ters
entwickelte... Und wie er immer besessener wurde - von Batman. Er hatte deine
Tarnung direkt durchschaut - und haßte dich. Er war der Meinung, ihm müßte
alles gehören, was mit dem Namen Wayne zu tun hat. Als Teil seiner Macht über
das Kartell seines Großvaters... Jeder Schlag gegen die Mafia, der dir gelang,
vertiefte seinen Haß, seinen Wunsch, dich zu vernichten. Er glaubte, daß er
der Batman sein müßte, die Kreatur der Dunkelheit, der Herrscher der Nacht.
Und er wollte dich tot sehen - egal, um welchen Preis. Frag mich nicht, warum er
bis jetzt gewartet hat... Ich ertrug es irgendwann nicht mehr, mußte einfach
fliehen... aber wohin? Hier hin konnte ich schlecht - ich hatte dich vor so
langer Zeit im Stich gelassen... Jetzt zurückzukehren wäre... nicht richtig
gewesen... Also wanderte ich umher... Bis ich vor kurzem erfuhr, daß mein Sohn
in Gotham ist. Ich wollte dich warnen..."
"Zu spät, Thomas. Wir sind ihm schon begegnet. Dein Sohn ist
Nemesis!"
III.
Akt: Nightmare of the Bat
(c) 2001 by Jororo
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