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17.04.2009
Review:
'Batman: Rest In Peace'
BATMAN R.I.P. GRANT Morrison – TONY S. Daniel"Ladies and Gentlemen, the Black Glove welcomes you!"
Der psychische Zerfall des Dunklen Ritters.
Was reizt uns nur so sehr an der menschlichen Psyche? Was bringt uns dazu, darüber zu philosophieren, zu lesen, sie zu studieren? Worin genau liegt das Interesse, uns den tiefsten menschlichen Abgründen hinzugeben und mit unserem persönlichen Wahnsinn so lange zu spielen bis wir feststellen müssen dass wir so weit niemals in uns selbst eintauchen wollten?
Für Batman ist sein geistiger Zustand das, was für Superman Kryptonit ist – eine Schwäche. All die Jahre trainierte Batman, um bis an den Rand seiner eigenen körperlichen Erschöpfung zu gelangen. Er fokussierte Körper und Geist, studierte seine Schmerzen, um zu den ihm Ertragbaren zu gelangen. Doch auch Batman kann die Tatsache nicht verleugnen dass in ihm ein menschlicher Geist schlummert, eine zerbrechliche Seele, getrieben von Gefühlen und Emotionen. Kann das Menschliche in einem erlöschen wenn man Nacht für Nacht immer wieder mit Mord und Totschlag, Vergewaltigung und Triebtaten konfrontiert wird? Oder wird es viel mehr noch dadurch gestärkt, Moral und Disziplin vertieft – vor allem wenn man schon als Kind Grausamkeit am eigenen Leibe erfahren musste? Ist die Rationalität eines Menschen so einfach zu erklären?
Mit diesen Fragen fühlt sich Batman nun schon seit mehreren Monaten konfrontiert. Seine Stadt, Gotham City - zutiefst verdorben, ein prä-apokalyptischer Moloch des Wahnsinns – hat schon oft dunkle Stunden erleben müssen. Doch nur selten fühlte sich Batman so sehr an den Rand seiner eigenen Disziplin getrieben wie jetzt, als korrupte, als Batman verkleidete Polizisten Amok laufen. Drei an der Zahl, und einer furchtbarer als der andere. Sei es der Waffenschwinger, der Jokers blutiges Treiben mit einem gezielten Schuss zwischen die Augen beendete. Oder ein mit der muskel- und aggressionsaufbauenden Droge 'Venom' aufgepumpter Sexualstraftäter, der es auf die Vergewaltigung und Ermordung Prostituierter abgesehen hat. Nicht zu vergessen der Imitator, der glaubt, Satan höchst persönlich hätte ihn dazu auserkoren, das Cape überzustreifen. Alle drei dienen als eine Nachricht an Batman, ein Witz, jemand macht sich über ihn lustig – viel mehr noch, jemand möchte Batman an seine eigenen Grenzen treiben.
Black Glove, eine Verbrecherorganisation, angeführt vom mysteriösen Doctor Hurt, scheint mehr über Batman und seine Vergangenheit zu wissen, als es all seine anderen Gegner tun. Doch der Plan dieses "Klubs der Verbrecher" ist nicht einfach Gotham in seinen Grundfesten zu erschüttern und die Stadt in ein Chaos zu stürzen. Nein! Der Plan ist weitaus delikater, etwas das selbst Batmans größte Feinde wie der Joker und Two-Face nicht zu schaffen wagten; Batman soll sterben, viel mehr noch soll sein Geist gebrochen und zerstört werden.
"…The Dark Knight is dead. Here’s to crime. And the Black Glove."
Grant Morrison liebt den Wahnsinn. Fast jede seiner zahlreichen Arbeiten im Comicsektor befassen sich mit dem geistigen Zustand seiner Helden und der Zerbrechlichkeit unserer Psyche. Schon Jahre zuvor hat Morrison mit dem Verstand des maskierten Rächers gespielt.
Sein Batmandebut 'Arkham Asylum' gilt heute nicht nur als absoluter Bestseller im Graphic Novel- Bereich, sondern wird auch als eine der wegweisendsten und wichtigsten Erzählungen der Superheldenliteratur angesehen. In diesem Horrordrama setzte er Batman hinter die Gitter der Titelgebende Einrichtung für geistig abnorme Schwerverbrecher und ließ ihn einen Höllentrip durchwandern, der ihn bis ans Ende seiner Emotionen und seines Verstandes brachte.
'Rest in Peace' fügt sich nahtlos in dieses Schema, kann viel mehr noch als geistiger Nachfolger von 'Arkham Asylum' betrachtet werden. Morrison zeigt einen von Selbstzweifeln und Angst geplagten Batman, der mit dem Rücken zur Wand steht und mit der Befürchtung kämpfen muss, das Falsche zu tun. Ein Batman der den Alptraum durchlebt, dass seine Taten böse Früchte tragen und er selbst für den Irrsinn in seiner Stadt verantwortlich ist.
Morrison zeigt uns auf diesem Weg ein interessantes Konzept von Gotham und den Einfluss, den Batman darauf hinterlassen hat. Über die Jahre kam es unter Lesern oft zu Diskussionen, inwiefern Batman denn nun ein guter Held ist, ob sein Handeln nicht auf gewisse Weise irrational ist, seine Taten zu gewalttätig sind. Auch stellte sich oft die Frage ob Gotham noch immer dieser Vorhof zur Hölle wäre, wenn Batman des öfteren ein Pfadfinderlächeln aufsetzen und sich in farbenfrohe Kleidung zwängen würde?
Hier wird Batman als ein wahrer Held, ein viel zu guter Held dargestellt. So gut dass er es zwar schafft, Gotham City vom organisierten Verbrechen zu befreien, gleichzeitig allerdings auch die Früchte seiner Inspiration ernten muss. Menschen schließen sich Batmans Wirken an, setzen sich selbst Masken auf und ziehen auf den Straßen los, um Selbstjustiz zu begehen. Doch während Batman diese Charade zum Guten nützt, geht dieses Konzept in anderen Menschen nicht auf. Die logische Konsequenz daraus sind die Soziopaten, die diese Stadt befallen haben, sich an der Angst unschuldiger laben und ihren eigenen, bizarren Vorstellungen von Recht und Unrecht folgen. Eine erfrischende Art Gotham zu betrachten, als eine Stadt die nicht so verdorben ist, weil Batman als Held versagt, sondern weil er einfach zu gut in dem ist, was er tut.
Das Konzept "Batman ist für das Verderben in Gotham verantwortlich" mag sicher nicht neu sein, allerdings wurde es noch nie so elegant umgesetzt wie in Morrisons Erzählung. Batman findet sich damit konfrontiert, am Nutzen seiner Existenz zu zweifeln, er sieht keinen Nutzen darin, dass es ihn gibt, wo doch die Stadt sichtlich an seiner Existenz leidet. Der Wunsch, das Cape hinzuschmeißen und ein geordnetes Leben zu führen, wird dadurch verstärkt, dass er in der wunderschönen Jezebel Jet ein Ventil seiner Emotionen gefunden hat. Durch die Wohltäterin kostet er die Süße der Liebe, riecht den Duft der Freiheit und sieht einen Fluchtweg, um aus dem ihm selbst auferlegten Fluch zu entkommen. Ein Empfinden der Befreiung, ein Gefühl der Menschlichkeit.
Eine Person, die ihn versteht, ein Mensch, vor dem er endlich keine Geheimnisse mehr haben muss. Sie sieht, wer Bruce wirklich ist, dass nicht die Maske der Fledermaus ihn zu diesem Dämon macht, sondern, dass er es sich selbst auferlegt hat. Auch ihr Vater wurde ermordet, auch sie nutzte ihr Leben fortan für das Gute, doch sie braucht dazu keine Maske. Es war schon immer die Liebe die Batmans Handeln in eine emotionale Bahn lenkte, ihn angreifbar und irrational machte. Sei es die liebevolle Vesper Fairchild, die betörende Silver St. Cloud oder seine ganz persönliche Femme Fatal, Selina Kyle alias Catwoman. Doch erst in Jezebel erkennt er, wer er tatsächlich hätte sein können.
"Funny, isn’t it? Some very rich people went to a lot of trouble to throw you a farewell party … and you turn up dressed like a clown."
Eines kann man mit Sicherheit behaupten, und zwar, dass 'R.I.P' ganz sicher nicht leichte Kost ist. Leute, die gerade erst auf den Batman Zug durch den Hype um 'The Dark Knight' letzten Sommer aufgesprungen sind, werden hoffnungslos an Morrisons Dekonstruktion eines Helden scheitern. Um gänzlich in die abgründige Welt dieses Comics eintauchen zu können ist schwere Nachlesearbeit von Nöten.
In Morrisons bisherigem Run, bestehend aus 'Batman and Son', 'The Club Of Heroes' und 'The Resurrection of Ra’s Al Ghul', zu schmökern, macht nur ein kleines Teilchen in diesem großen, komplexen Puzzle aus. Wer bei solchen Schlagworten wie 'Robin dies at dawn' und 'Zur en Arrh' sich nur verwirrt am Kopf kratzen kann, ist bei diesem Comic hoffnungslos überfordert. Oder um es auf den Punkt zu bringen; die Geschichte ist pures Lesefutter nur für jene, die das allgemeine Batman-Ein mal Eins im Schlaf aufsagen können, und Erfahrung mit dem Silver- und Golden-Age der Comichistorie haben.
Wenn man diese Voraussetzungen erfüllt, entfaltet sich ein ganz besonderer Genuss, den man so schnell nicht vergessen dürfte. Morrison nimmt am laufenden Band bezug auf vergangene Batman Abenteuer von längst vergessener Zeit, baut diese in die Kontinuität ein und modernisiert sie gerade noch genug, dass man sie voll und ganz ernst nehmen kann. Sei es die Erzählung 'Robin dies at dawn' in der Batman an einem Experiment der Raumfahrtbehörde teilnimmt, in dem ein für ihn fremder Planet mit dem Namen "Zur En Arrh" simuliert wird, auf dem Robin von einem Roboter getötet wird und Batman in ein schweres Trauma verfällt. Was in seiner Urform höchstens für Schmunzeln unter Fans gesorgt hat, wird von Morrison als ernste Gegebenheit aufgearbeitet, durch die seine Geschichte erst funktioniert. Hier nimmt Batman an diesem Isolationsexperiment teil, um einen Blick in die Gedanken eines Psychopathen, wie den Joker, erhaschen zu können. Ohne dass er es weiß, werden so seine Erinnerungen auf traumatische Begebenheiten von Black Glove entnommen, um sie gegen ihn einsetzen zu können. Zur gleichen Zeit stellt dieser mordende Roboter das Bild Satans dar, mit dem der "dritte Batman" einen Pakt schließt.
Zugegebener Maßen klingt das Ganze irrsinnig surreal und unglaubwürdig, tatsächlich funktioniert es im großen Ganzen gesehen unheimlich gut und macht in gewisser Weise durchaus Sinn, und wenn der erste Schreckmoment überwunden ist, ist der geneigte Leser einem erstaunlichen "mitten drin" Gefühl verfallen und nimmt diese Storyantiquität mindestens genauso ernst, wie es Grant Morrison tat. Eine solch brillante und intensive Aufbereitung von Silver-Age Fragmenten in die Moderne bekommt so geschmeidig höchstens ein Matt Wagner hin.
"Tell your boss he may have laid all traps for Bruce. But not for me."
Was man dem Comic allerdings negativ nachsagen kann, ist definitiv sein furchtbares Marketing, das eindeutig in die falsche Richtung ging. Um in Gefahr zu laufen, einigen Lesern die Freude zu verderben: Batman R.I.P. ist NICHT der Tod Batmans… zumindest nicht im eigentlichem Sinne. Vielmehr handelt es sich hierbei um die Dekonstruktion des Dunklen Ritters und seiner Bedeutung für Gotham City. Batman mag sterben, aus den Blicken von Gothams Unterwelt verschwinden und an seiner eigenen Psyche zerbrechen. Aber Batman ist nur ein Symbol, ein Symbol das die Verbrecher Gothams fürchteten. Das Symbol eines Helden, allerdings nicht der Mann, der sich dieses Symboles annimmt.
Das war es gerade, das Morrison so sehr an der Figur reizt und gleichzeitig über Jahre hinweg an ihm nagte. In Zeiten, in denen Bruce Wayne als Maske bezeichnet wird und Batman der Mensch ist, differenziert Morrison die beiden vollkommen voneinander. Wayne ist keine Maskierung mehr, sondern ein anderer Mensch. Ein Mensch der anders denkt und eine andere Lebensphilosophie verfolgt. Man kann nach wie vor darüber philosophieren, ob nicht Batman der dominantere Teil dieses Menschen ist, aber er ist ganz sicher nicht das einzige, das ihn ausmacht. Denn Batman ist schizophren, und wie in jeder Spaltung einer menschlichen Persönlichkeit, existieren viele Seiten einer Medaille.
Eine Stelle, die dies am besten verdeutlicht, ist sicherlich das Aufeinandertreffen von Batman und dem Joker, dem der Dunkle Ritter ohne Maske gegenüber steht. Auch wenn der Joker "Bruce Wayne" vor sich stehen hat, sieht er in seiner Manie nur einen einzigen: Batman. Bruce Wayne existiert für ihn nicht, er interessiert sich nicht im geringsten dafür, wer sich hinter Batmans Maske verbirgt, es sind zwei verschiedene Lebewesen, die einfach nur das Unglück haben, in dem selben Körper zu leben. Für den Joker ist Batman die entscheidende Figur, für Alfred ist es Bruce.
Die Meinungsverschiedenheit zwischen Joker und Batman ist gleichzeitig das Highlight des Comics. Es mag zwar sehr kurz gehalten sein, in dieser Einfachheit wird die Dualität der Beiden so präzise auf den Punkt gebracht, wie schon lange nicht mehr. Sei es Jokers Obsession für Batman, die ihn über Bruce Wayne hinweg blicken lässt, oder der Einsatz seines erneuerten Jokertoxin, das sich aus einer Kombination schwarzer und roter, mit Gift versehener Rosenblüten, zusammensetzt und den Maskierten Rächer so in ein psychologisches Tief aus Zeiten seiner Ausbildung tauchen lässt und als Ventil zurück in die Realität dient.
Und in dieser Realität zeigt sich erst, wer Batman wirklich ist. Nach all den Fehlern, die er in der Vergangenheit verübte, nach all dem Selbsthass und den Selbstzweifeln, findet Batman einen Ausweg aus dieser Misere und Grant Morrison kann den Fans endlich, nach all den Verwirrspielen, sein Konzept von Batman zeigen: ein Held. Düster, brutal und unbarmherzig, in seinem Tun jedoch unglaublich heldenhaft und selbstlos. Ein Held, der dem Verbrechen immer einen Schritt voraus ist, der ihm den Rücken kehrt und es in die Knie zwingt. Auch wenn das bedeutet sich selbst und das, wofür man steht, aufzugeben.
"Rest In Peace" ist ganz sicher keine leichte Kost. Neben der Tatsache dass es viel Sitz- und Leseschmalz erfordert, um den Comic voll und ganz zu verstehen, kommt hinzu, dass man mit der wohl psychologischsten und philosophischsten Batman-Geschichte aller Zeiten konfrontiert wird. Ein intelligentes Konstrukt aus Recht und Unrecht, eine Klausel über die Gerechtigkeit als Konstruktion der Selbstjustiz, eine Geschichte über eine verdorbene Stadt in den Fängen von Psychopathen, die den Fußstapfen eines scheinbaren Psychopathen folgen wollen. Ein wertvoller Comic, der neue Perspektiven auf den Nutzen eines düsteren Helden in einer noch dunkleren Zeit wirft. Eine bedrückende wie auch faszinierende Geschichte, derer man sich absolut des Öfteren hingeben sollte, um alle Kniffe, Anspielungen und liebevollen Kleinigkeiten zur Gänze zu verstehen. Ein Comic den man zu hassen liebt… oder es liebt, ihn zu hassen.
'Batman R.I.P' erscheint ab Ausgabe 26 der monatlichen Batman-Serie bei Panini Comics.
[Manuel Baudisch]
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